Die Bundesregierung setzt auf neue Gaskraftwerke, um künftig die unregelmäßige Solar- und Windstromproduktion auszugleichen. Dabei wären dafür eigentlich auch Batteriespeicher, Stromspar-Maßnahmen und flexible Biogasanlagen geeignet.

 

Biogasanlagen können Strom auch bedarfsgerecht erzeugen. Symbolfoto: Stefan Schroeter

In der Diskussion um die künftige Versorgungssicherheit im Stromsystem werden zunehmend alternative Konzepte sichtbar. In ihrer Kraftwerksstrategie setzt die Bundesregierung auf den Bau neuer Gaskraftwerke, um die Schwankungen der Solar- und Windstromproduktion auszugleichen. Sie sollen auch längere Dunkelflauten überbrücken können, in denen kein Wind weht und die Sonne nicht scheint.

Geplant ist, zunächst bis zum Jahr 2031 mehrere Gaskraftwerke zu bauen, die über eine Stromleistung von insgesamt bis zu 11 Gigawatt verfügen und später auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Sie sollen 15 Jahre lang eine gesicherte Leistung bereit halten und bei Bedarf schnell und ausdauernd Strom liefern. Dafür rechnet die Bundesregierung mit jährlichen Kosten von bis zu drei Milliarden Euro, die durch eine Umlage von den Stromkunden bezahlt werden sollen.

Um diese Strategie umzusetzen, hat sie einen Entwurf des „Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes‟ vorgelegt. Dieses Gesetz muss nun noch im Bundestag und möglicherweise auch im Bundesrat beraten und beschlossen werden.

Der Entwurf sieht vor, dass bestehende Kraftwerks-Standorte im Süden und Westen mit einem sogenannten „Südbonus‟ bevorzugt werden. Dieses Konzept stieß bereits auf den Widerstand der ostdeutschen Bundesländer Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Sie wollen erreichen, dass die neuen Kraftwerke für die Versorgungssicherheit auch in ihrer Region gebaut werden können.

 

Hindernisse für Batteriespeicher

Hier gibt es mehrere Braunkohle-Großkraftwerke des Leag-Konzerns, die im Zuge des Kohleausstiegs schrittweise bis zum Jahr 2038 stillgelegt werden sollen. Die Umlagegelder der Stromkunden könnten dem Konzern dabei helfen, hier neue Gaskraftwerke zu bauen. Das würde auch die langfristige Energieversorgung der benachbarten Industrieparks absichern, beispielsweise in Schkopau und Böhlen.

Dabei begünstigt der Gesetzentwurf eigentlich grundsätzlich den Kraftwerksbau an bestehenden Kraftwerksstandorten. Darauf weist das Bundeskartellamt in einer Stellungnahme hin, in der es davor warnt, dass sich auf diese Weise die Marktmacht bestehender Anbieter im Strommarkt verfestigen könnte.

So müssen Bewerber bereits bei den Ausschreibungen für die Versorgungssicherheit-Kraftwerke nachweisen, dass sie über einen Netzanschluss oder eine Zusage dafür verfügen. Neue Standorte hätten damit in der vorgesehenen Bewerbungsfrist keine realistische Chance, kritisieren die Wettbewerbshüter.

Dies gelte insbesondere für Batteriespeicher-Projekte. Ihre Teilnahme an den Ausschreibungen werde außerdem durch eine spezielle technische Vorgabe erschwert.

 

Stromverbrauch senken und verschieben

Umweltschützer kritisieren die Kraftwerksstrategie vor allem deshalb, weil sie zuerst auf neue Kraftwerke setzt, die mit fossilem Erdgas betrieben werden. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat für Greenpeace mehrere Alternativen dazu herausgearbeitet.

Die Wissenschaftler halten es vor allem für notwendig, systematisch die Jahreshöchst-Residuallast zu senken. Das ist der Strombedarf, der in den schwierigsten Situationen des Jahres nicht von erneuerbaren Energien gedeckt werden kann.

Dabei setzen sie auf gezielte Energieeffizienz-Maßnahmen und Langzeitspeicher in der Wärmeversorgung, wodurch der Stromverbrauch von Wärmepumpen sinken kann. Auch in Industrie und Gewerbe sehen sie noch große Möglichkeiten, den Stromverbrauch zu senken und in günstigere Zeiten zu verschieben, in denen viel erneuerbarer Strom verfügbar ist.

Auf flexible Reservekraftwerke wollen auch die Wuppertaler Energieexperten nicht ganz verzichten. Sie empfehlen allerdings, sie vorrangig in Form von flexiblen Biogas-Kraftwerken bereitzustellen und dabei die schon vorhandenen Biogasanlagen zu nutzen.

 

Flexibler Strom aus Biogas

Schließlich gibt es in Deutschland schon zahlreiche Biogasanlagen mit kleinen Kraftwerken. Sie laufen bisher überwiegend im herkömmlichen Dauerbetrieb und erhalten für den produzierten Strom eine Einspeisevergütung nach dem EEG Erneuerbare Energien Gesetz.

Die meisten dieser Anlagen sind auch schon für einen flexiblen Betrieb ausgebaut worden. Dazu sind größere Gasspeicher und Motoren nötig. Damit können sie den Strom gezielt in den Zeiten erzeugen, in denen er gebraucht wird. Gibt es keinen Strombedarf, fahren sie ihre Stromproduktion herunter und speichern das kontinuierlich erzeugte Biogas für die nächste Spitzenzeit.

Als Ausgleich für die höheren Kosten erhalten die Betreiber verschiedene EEG-Zusatzvergütungen. Wie viele Biogasanlagen flexibilisiert werden können und dafür die Zusatzvergütungen erhalten, legt die Bundesnetzagentur mit regelmäßigen Ausschreibungen fest.

Wie diese Flexibilisierung einen größeren Beitrag für die Versorgungssicherheit leisten könnte, haben Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Auftrag der Kampagne „Biogas ist Zukunft‟ näher untersucht. Sie schlagen vor, das Ausschreibungsvolumen dafür auf jährlich 3,2 Gigawatt Kraftwerksleistung zu erhöhen. Bisher sind für das Jahr 2027 nur 500 Megawatt vorgesehen.

Mit dem größeren Ausschreibungsvolumen könnte den Berechnungen zufolge bis zum Jahr 2030 eine flexibilisierte Biogas-Kraftwerksleistung von 12,6 Gigawatt aufgebaut werden. Das wäre eine ähnliche Größenordnung, wie sie derzeit die Bundesregierung für die neuen Erdgaskraftwerke anstrebt.

Die jährlichen Kosten dafür beziffern die FAU-Wissenschaftler mit 5,3 Milliarden Euro. Dagegen rechnen sie mit einem höheren volkswirtschaftlichen Nutzen von jährlich 7,8 Milliarden Euro. Er soll durch strompreisdämpfende Effekte und Einsparungen fossiler Energieträger entstehen.

 

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