Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält es für „absolut notwendig“, in Deutschland neue Stromtrassen von Nord nach Süd zu bauen. Sie sollen den künftigen Stromüberschuss des Nordens und Ostens in die industriellen Lastzentren Süddeutschlands transportieren.


Diese Stromtrasse bei Rostock transportiert bereits Steinkohle- und Windstrom von Norden nach Süden. Die Stromtransporte in dieser Richtung sollen künftig stark ausgebaut werden. Foto: Stefan Schroeter


Die deutsche Stromwirtschaft steuert auf ein starkes regionales Ungleichgewicht bei Stromerzeugung und Stromverbrauch zu. Darauf machte Claudia Kemfert am Montag beim Energieexperten-Treffen in Leipzig aufmerksam. Im Jahr 2020 werde es in Nord- und Ostdeutschland sowie in Nordrhein-Westfalen einen deutlichen Stromüberschuss geben, sagte die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin. Dieser Überschuss müsse in die Regionen transportiert werden, wo eine große Nachfrage bestehe und Atomkraftwerke abgeschaltet würden. Das sei insbesondere im Süden Deutschlands der Fall, wo sich die Lastzentren der energieintensiven Industrie befänden. Um diesen Stromtransport zu sichern, sei es „absolut notwendig“, die im Bundesnetzplan vorgesehenen Leitungen von Nord nach Süd zu bauen, sagte Kemfert.

Um das deutsche Übertragungsnetz in Nord-Süd-Richtung auszubauen und bestehende Leitungen zu verstärken, wollen die Betreiber bekanntlich in den kommenden zehn Jahren insgesamt 22 Milliarden Euro investieren. Dieses Geld wird über Netzentgelte aufgebracht, die von den Stromkunden bezahlt werden, durch deren Regionen die Leitungen führen. Eine Ausnahme bilden industrielle Strom-Großverbraucher, die in den vergangenen Jahren weitgehend von den Netzentgelten befreit worden sind. Für die übrigen Stromkunden dürften die Netzkosten daher durch diesen Ausbau umso stärker steigen.

Auf Widerstand stößt der geplante Bau neuer Stromtrassen bereits in Thüringen. Hier wehren  sich Bürgerinitiativen schon seit Jahren gegen den Bau der sogenannten Südwestkuppelleitung durch den Thüringer Wald nach Bayern, der dennoch allmählich vorankommt. Hier wollen die Übertragungsnetz-Betreiber nun noch bis zum Jahr 2022 zwei neue Leitungen für die Hochspannungs-Gleichstromübertragung bauen. Doch der Thüringer Minister für Bau und Landesentwicklung, Christian Carius, hat den Bau weiterer Hochspannungs-Stromleitungen durch sein Bundesland bereits abgelehnt.

Derzeit gibt es Kemfert zufolge bundesweit noch einen Überschuss an Strom. Es seien immer noch viele Atom- und Kohlekraftwerke am Netz, sagte sie auf dem Expertentreffen. Hinzu kämen die erneuerbaren Energien. Diese Überkapazitäten werden ihrer Ansicht nach auch noch in den nächsten drei bis vier Jahren anhalten. Erst in den Jahren 2017 und 2018 erwartet sie wieder Preissprünge an der Strombörse, die durch ein knapperes Stromangebot ausgelöst werden.

Vernetzen