Deutsche Unternehmen wollen mit russischen Partnern 20 Biogasanlagen in den Gebieten Belgorod und Woronesh bauen. Steigende Strompreise machen die dafür nötigen Investitionen wirtschaftlich. 27/01/2012


Das Hamburger Landwirtschaftsunternehmen KTG Agrar zählt sich zu den führenden europäischen Produzenten von Agrar-Rohstoffen.  Es bewirtschaftet eigene und gepachtete Anbauflächen von 35.000 Hektar in Ostdeutschland und Litauen. In Rumänien und Russland betreiben die Hamburger außerdem ein sogenanntes Farmmanagement für weitere 30.000 ha. Auf ihren riesigen Flächen produzieren sie längst nicht mehr nur Rohstoffe für Nahrungsmittel, sondern auch für die eigenen Biogasanlagen.

Diese Biogasanlagen haben inzwischen eine installierte Leistung von insgesamt 20 Megawatt erreicht, weitere mit 10 MW sind derzeit im Bau. Bei ihrem Betrieb achtet KTG auf geschlossene Stoffkreisläufe. „Es gibt die Chance, aus der Biomasse Strom, Gas, Wärme zu erzeugen“, sagte KTG-Vorstand Siegfried Hofreiter Ende Januar beim Investmentforum Biogas Russland von Commit in Berlin. „Wichtig ist, dass das Gärsubstrat, ein guter, natürlicher Dünger, dem Boden wieder zugeführt wird.  Es ist ein in sich regional geschlossener Kreislauf.“

Mit dieser Erfahrung wollen die Hamburger Großbauern nun auch auf dem bisher kaum entwickelten Biogasmarkt in Russland Fuß fassen. Mit den russischen Partnern Biogasenergostroi (Bioges) und Agroimport sowie dem deutschen Partner Tönnies Fleisch haben sie im November ein Gemeinschaftsunternehmen vereinbart, das bis 2014 in den westrussischen Gebieten Belgorod und Woronesh jeweils 10 Biogasanlagen mit Leistungen von 1 bis 1,5 MW bauen soll. Außerdem ist eine größere Biogasanlage mit 5 MW an einem Fleischkombinat im Gebiet Belgorod geplant.


Die großen Landwirtschafts- und Nahrungsmittelbetriebe in Russland bieten eigentlich ideale Bedingungen für die Biogas-Produktion. Bioges zufolge fallen jährlich 624 Mio. Tonnen organische Reststoffe an, aus denen sich Biogas gewinnen ließe. Das Biogas könnte wiederum in Kraftwerken vor Ort genutzt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen. Eine andere Möglichkeit ist, das Biogas auf Erdgasqualität zu veredeln und ins allgemeine Gasnetz einzuspeisen.


Dass sich die Biogasbranche in Russland bisher kaum entwickeln konnte, hat sicher mit den lange Zeit niedrigen Preisen für die reichlich vorhandenen fossilen Energieträger zu tun. Eine erhöhte Vergütung für ins Netz eingespeisten Ökostrom wie in Deutschland gibt es bisher nicht. Doch mit den seit einigen Jahren stetig steigenden Energiepreisen ändert sich die Situation allmählich. Laut Sergej Tschernin, Aufsichtsratschef bei Bioges, liegen die Strompreise in einigen russischen Regionen bereits hoch genug, dass sich der Bau einer Biogasanlage nach fünf bis sechs Jahren auszahlen kann. Hinzu kommt, dass Landwirtschaftsbetriebe so weniger abhängig vom mitunter unzuverlässigen allgemeinen Stromnetz werden.


Tschernins Unternehmen ist auch an einer internationalen Partnerschaft beteiligt, mit dem der russische Erdgas-Produzent und Gasnetz-Monopolist Gasprom in die Produktion von Biogas in Erdgas-Qualität einsteigen will. Gemeinsam mit dem niederländischen Gaskonzern Gasunie und dem russischen Landmaschinen-Hersteller Jewrotechnika wollen die Partner zunächst die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens in Russland prüfen und ein Pilotprojekt vorbereiten. Nach Berechnungen von Gasprom kann künftig landesweit ein Biogas-Potenzial von 35 Mrd. Kubikmetern erschlossen werden. Das entspricht der Erdgasmenge, die Gasprom im Jahr 2010 nach Deutschland geliefert hat.


Große Pläne für die Entwicklung des Biogas-Sektors, aber auch anderer Zweige der Bioenergie-Nutzung entwickelt derzeit die Russische Energieagentur. Wie ihr stellvertretender Direktor Wladimir Baskow berichtete, will sie in den einzelnen Regionen des Landes tausende Bioenergie-Komplexe aufbauen. Sie sollen die Reststoffe der Landwirtschaft und Nahrungsmittel-Industrie nutzen, um Gas, Wärme, Strom und flüssige Kraftstoffe zu produzieren. Auch 40 Mio. ha Ackerfläche, die derzeit in Russland brach liegen, könnten für diesen Zweck genutzt werden. Ausländischen Investoren, die sich an solchen Bioenergie-Komplexen mit eigenen Projekten beteiligen, versprach Baskow, finanzielle und administrative Risiken für sie zu übernehmen. 


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