In der russischen Energiewirtschaft lässt sich ein großes Energiespar-Potenzial erschließen. Deutsche Unternehmen beteiligen sich daran mit Fachwissen und Technik. 08/2006

Der weltgrößte Erdgas-Produzent OAO Gasprom zählt selbst zu den größten Energieverbrauchern Russlands. 50 Mrd. m3 des „blauen Brennstoffs“ braucht das Unternehmen jährlich, vor allem um das geförderte Gas durch das landesweite Leitungsnetz zu pumpen. Obwohl Förderung, Transportmengen und Leitungsnetz seit dem Jahr 2001 deutlich gewachsen sind, ist es Gasprom nach eigenen Angaben gelungen, den eigenen Gasverbrauch stabil zu halten. Den Effekt der Energiesparmaßnahmen beziffert das Unternehmen für die Jahre 2004 und 2005 auf 7 Mrd. m3. Möglich wurde dies unter anderem durch optimierte Transport-Regime, die Rekonstruktion von Kompressorstationen, Streckenabschnitten und Verteilerstationen sowie die Einführung von automatisierten Steuerungssystemen. Wie der Konzern auf Anfrage mitteilte, sieht er im Transport auch die größten Möglichkeiten für weitere Energieeinsparungen. Gleichzeitig erwartet er hier allerdings in den nächsten Jahren einen höheren Verbrauch, weil weitere Anlagen in Betrieb gehen sollen. Der Stromverbrauch des Gaskonzerns ist seit 2001 bereits durch neue Förder- und Transportkapazitäten von 14 auf 19 Mrd. kWh gestiegen. Ohne Energiesparmaßnahmen, die Gasprom zufolge allein in den Jahren 2004 und 2005 Einsparungen von 983 Mio. kWh eingebracht haben, wäre der Anstieg noch höher ausgefallen.


Als ausländische Partner für Gasproms Energiesparprojekte treten bisher vor allem die deutschen Gasversorger E.ON Ruhrgas AG und Wintershall AG auf. Ruhrgas arbeitet bereits seit den 90er Jahren mit an einem Optimierungsprogramm für die insgesamt 7 500 km langen Pipelines der regionalen Gasprom-Tochter Wolgatransgas. Damit soll der Energieverbrauch der Kompressoren um jährlich 1,5 Mrd. kWh sinken. Derzeit werde das System getestet, teilte Ruhrgas mit. Mit Ergebnissen sei gegen Jahresende 2006 zu rechnen. Derzeit erwägen die Partner, das System auch auf die benachbarten Leitungsabschnitte auszuweiten. Außerdem arbeitet eine Expertengruppe von Ruhrgas und Gasprom an einer Musterlösung für den Aufbau einer lokalen Strom- und Wärmeversorgung auf Erdgas-Basis in der Stadt Kaljasin.


Die Wintershall AG hatte von 1998 bis 2001 gemeinsam mit der Gasprom-Tochter Mostransgas und dem wissenschaftlichen Zentrum Wniigas die ökologische Sicherheit der russischen Untergrundspeicher Kassimowo und Uwjasowo untersucht. „Aus den Ergebnissen der gemeinsamen ökologischen Untersuchungen wurde eine relativ komplexe Vorstellung über den guten Zustand der Umwelt im Bereich der Gasspeicher gewonnen", heißt es im Abschlussbericht. Derzeit sind erste gemeinsame Projekte für die Modernisierung des Leitungsnetzes und von Verdichterstationen geplant.

 


22 Prozent mehr Wirkungsgrad mit neuer Kraftwerkstechnik


Der Stromkonzern RAO Unified Energy Systems (UES) verfolgt ein Programm zur Brennstoff- und Energieeinsparung, wonach im Zeitraum von 2000 bis 2010 Einsparungen von umgerechnet 83 Mio. t Steinkohleeinheiten angestrebt sind. Erreicht werden soll dies vor allem durch die Umrüstung von Kraftwerken, die bisher überwiegend mit der wenig effektiven Dampf-Krafttechnik arbeiten. Wie UES mitteilte, werden mit ihnen elektrische Wirkungsgrade von bis zu 34 Prozent erzielt. Bei den Gas- und Dampfturbinen-Anlagen (GuD), mit denen UES neue und modernisierte Kraftwerke vorrangig ausrüstet, werden bis zu 56% Wirkungsgrad angestrebt. Seit dem Jahr 2000 hat der Konzern insgesamt vier GuD in St. Petersburg, Tjumen, Sotschi und Kaliningrad mit installierten elektrischen Leistungen zwischen 78 und 450 MW in Betrieb genommen. Weitere GuD-Blöcke mit 450 MW und 354 MW sollen bis zum Jahresende 2006 in St. Petersburg und 2007 in Iwanowo ans Netz. Vorbereitet werden Energiesparmaßnahmen bei UES von einem eigenen Zentrum für Energieeffizienz. Außerdem hat sich der Konzern das Ziel gesetzt, den Anteil erneuerbarer Energien an der Strom- und Wärmeerzeugung von 0,5 Prozent im Jahr 2002 auf 1,5 Prozent im Jahr 2015 zu erhöhen.


Erneuerbare Energien sind auch in Russland besonders für die Versorgung netzferner Stromverbraucher geeignet, die bisher vor allem mit Dieselaggregaten gesichert wird. Aufgrund der stark gestiegenen Dieselpreise wächst allerdings das Interesse an einer Kombination dieser Anlagen mit erneuerbaren Quellen, vor allem Windkraft. Gemeinsam mit dem UES-Zentrum für dezentrale Energiewirtschaft entwickelt derzeit die Deutsche Energieagentur GmbH (dena) entsprechende Pilotprojekte. Wie Geschäftsführer Stephan Kohler berichtet, hat die dena eine erste Expertise für den Bau von 10 Windenergieanlagen mit je 500 kW in Jakutien erstellt und koordiniert die Zusammenarbeit mit deutschen Herstellern.


Im südrussischen Samara verfolgt die dena schon seit mehreren Jahren ein modellhaftes Contracting-Projekt: Durch die Sanierung von rund 240 Heizwerken könnte die Kommune ihren bisherigen Erdgasverbrauch um ein Drittel senken. Dabei sollen mit dem Verkauf der eingesparten Erdgasmenge die Investitionen des Contractors refinanziert werden. „Durch häufige Wechsel in der Stadtregierung kam dieses Projekt bisher nicht voran", sagt Kohler. „Derzeit ruht es." Inzwischen plant die Agentur gemeinsam mit der Stadtverwaltung in Kaliningrad ein weiteres Demonstrationsprojekt für Energieeffizienz durch bewusstes Bewohnerverhalten in zwei Wohnblöcken. Hier soll der Einbau von regelbaren Heizkörperventilen und individuelle Verbrauchserfassung zu Einsparungen von bis zu 30 Prozent führen. Außerdem beteiligt sich die dena an Diskussionen mit dem Energie-Ausschuss der russischen Duma über ein geplantes neues Energiegesetz, in dem auch der Ausbau erneuerbarer Energien eine Rolle spielen soll.

 

„Energieeffizienz ist in Deutschland nicht einfach, und in Russland auch nicht", fasst der dena-Chef seine bisherigen Erfahrungen zusammen. „In Russland sind die Energieversorger noch stärker als in Deutschland angebotsorientiert. Dort gibt es außerdem Energie im Überfluss." Die Welthandelsorganisation WTO, der Russland beitreten will, schreibe allerdings vor, dass das Land über 10 bis 15 Jahre subventionsfreie Energiepreise erreichen müsse. „Das ist nur mit Energieeffizienz möglich", so Kohler. „Sonst gibt es riesige soziale Probleme."

 

 

Erdöl-Begleitgas wird oft abgefackelt

 

Ein großes ungenutztes Energiepotenzial gibt es in Russland bei Erdöl-Begleitgas, das bei der Ölförderung anfällt und nicht vollständig verarbeitet oder transportiert werden kann. Die Internationale Energieagentur zitiert offizielle russische Angaben, wonach von den jährlich produzierten 56 Mrd. m3 Erdöl-Begleitgas jährlich 15 Mrd. m3 abgefackelt werden. Zunehmend nutzen die Ölgesellschaften es für die Produktion von Erdgas und Strom. Der Betreiber des landesweiten Gasnetzes, OAO Gasprom, erklärt sich grundsätzlich bereit, das Gas der Ölgesellschaften zu transportieren, knüpft dies aber an eine Reihe von Bedingungen. Gasprom selbst nutzt Erdöl-Begleitgas aus eigener Produktion für lokale Versorgungszwecke.