Während sich die Atomkatastrophe in Japan noch  verschärfte, vereinbarte Russland mit Belarus den Bau des ersten AKW in diesem Land. Der vorgesehene Druckwasser-Reaktortyp wird auch in neuen russischen AKW an der Ostsee eingesetzt. 18/03/2011


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Der russische Staatskonzern Rosatom baut in Belarus (Weißrussland) ein Atomkraftwerk mit 2.400 Megawatt Leistung. Eine entsprechende Regierungsvereinbarung haben Rosatom-Chef Sergej Kirijenko und der belarussische Energieminister Alexander Oserets am 15. März 2011 bei einer gemeinsamen Sitzung beider Regierungen in Minsk unterschrieben. An dem Kraftwerks-Standort Ostrowjets bei Grodno, an der litauischen Grenze, soll der erste Reaktorblock mit 1.200 MW bis 2017 in Betrieb gehen, der zweite Block bis 2018. Gebaut wird das erste belarussische AKW von der Rosatom-Tochter Atomstrojexport, die voraussichtlich im  September 2011 mit den Arbeiten beginnt.

 

Der Bau soll mit einem Kredit der russischen Regierung über 6 Mrd. US-Dollar (4,3 Mrd. Euro) finanziert werden, für den eine weitere Regierungsvereinbarung nötig ist. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin hält die Unterzeichnung innerhalb eines Monats für möglich.

 

Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung hatte sich die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-1 weiter verschärft. Putin reagierte auf diese Entwicklung, indem er Rosatom sowie die russischen Ministerien für Energie und für Naturschutz anwies, die gegenwärtige Situation und die Perspektiven der Atomenergiewirtschaft zu analysieren. In einem Monat sollen sie der Regierung die Ergebnisse vorlegen.

 

Rosatom zufolge sollen in Ostrowjets sogenannte Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren des Projekttyps „AES-2006“ gebaut werden. Das ist ein Druckwasser-Reaktor der ursprünglich sowjetischen Bauart, der inzwischen in der dritten Generation weiterentwickelt wurde und den Standards der Internationalen Atomenergie-Agentur entsprechen soll. Als Prototypen des belarussischen AKWs bezeichnet Rosatom das Baltische AKW in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad (Königsberg) und das Leningrader AKW-2 bei St. Petersburg. Das Baltische AKW ist derzeit im Bau, seine beiden Blöcke mit insgesamt 2.300 MW sollen in den Jahren 2016 und 2018 in Betrieb gehen. Im Leningrader AKW-2 werden derzeit zwei Blöcke gebaut, weitere zwei sind dort offenbar noch geplant. Die dort verwandten Systeme sind  Rosatom zufolge auch schon seit 2007 in zwei Reaktorblöcken des chinesischen AKW Tianwan im Einsatz.

 

Belarus hatte zeitweise auch mit anderen Partnern über den Bau eines Atomkraftwerks verhandelt. Denn eigentlich strebt das Land eine größere Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen an. Für sein AKW dürfte es nun allerdings auf russische Uranlieferungen angewiesen sein. In den vergangenen Jahren hatte sich Belarus auch darum bemüht, seinen hohen Energieverbrauch zu senken und einheimische Energiequellen besser zu nutzen, einschließlich erneuerbarer Energien.

 

In der Region gibt es derzeit weitere Pläne für Atomkraftwerke. So will Litauen das 2009 abgeschaltete AKW in Ignalina durch einen Neubau ersetzen, und auch Polen verfolgt ein Projekt für das erste eigene AKW.



Einen ausführlichen Bericht zu diesem Thema finden Sie hier.



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