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Mit klaren Rahmenbedingungen für die Netzeinspeisung entwickelt sich die Produktion und Vermarktung von Bioerdgas zu einem Wachstumsmarkt. Die großen Gasversorger verfolgen dabei zunehmend eigene Projekte. 05/2009

 

 

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In einer Ackerlandschaft zwischen Halle/Saale und Magdeburg wachsen derzeit große runde Biogas-Fermenter und Lagerbehälter aus dem Boden. Ab kommendem Herbst soll die hier bei Könnern entstehende Bioerdgas-Anlage der Agridea Biopower GmbH jährlich 15 Millionen Kubikmeter des erneuerbaren Energieträgers produzieren. Das Bioerdgas wird ins Gasnetz des Regionalversorgers Mitgas GmbH eingespeist und von der E.ON Biopower GmbH vermarktet. Die zur Gasproduktion verwendeten Rohstoffe Mais, Ganzpflanzen-Silage und Gülle stammen Agridea zufolge von 30 Landwirten der Region, die danach verbleibenden Gärreste kommen als Dünger wieder auf die Felder der Bauern.


Agridea baut seine Anlage in unmittelbarer Nachbarschaft einer bestehenden Bioerdgas-Anlage der Agricapital GmbH. Sie ist bereits seit Februar 2008 in Betrieb und speist ihr Gas in eine 200 Meter entfernte Mitgas-Pipeline ein. Die Agricapital-Anlage ist mit einer Jahresproduktion von 6 Millionen Kubikmetern deutlich kleiner als die Agridea-Anlage. Das wirkt sich günstig auf die Transportentfernung für die Anlieferung von Maissilage und Gülle aus, die etwa halb so groß ist wie beim größeren Nachbarn. Die weitgehend automatisierte Agricapital-Anlage funktioniert seit Monaten reibungslos, berichtet Betriebsleiter Harald Krüger: „Sie hat mehr Bioerdgas ins Netz eingespeist, als geplant war.“ Er und seine drei Mitarbeiter sind vor allem damit beschäftigt, die Anlieferung der Rohstoffe von benachbarten Landwirten zu organisieren und die Steuerung der Anlagen zu überwachen. Die Vermarktung für das von Agricapital erzeugte Bioerdgas hat Mitgas selbst übernommen.

Bioerdgas-Anlagen wie in Könnern gehen einen Schritt weiter als herkömmliche Biogas-Anlagen, von denen es bundesweit bereits mehr als 4.000 gibt. Das in diesen herkömmlichen Anlagen erzeugte ungereinigte Biogas kann nur nahe der Anlage zur Stromerzeugung in speziellen Motorenkraftwerken genutzt werden. Die dabei mit dem Strom gleichzeitig produzierte Wärme, die zwei Dritteln der im Biogas enthaltenen Energie entspricht, wird dabei lediglich zu einem kleinen Teil genutzt. Denn an den landwirtschaftlichen Standorten gibt es meist zu wenige Wärmeverbraucher. Daher ist es wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll, das Biogas auf Erdgas-Qualität zu veredeln und über das bestehende Gasnetz zu gasgefeuerten Heizkraftwerken in der Nähe großer Wärmeverbraucher zu transportieren.


Über eine solche direkte Belieferung von Heizkraftwerken mit Bioerdgas macht Mitgas bisher keine Angaben. Es würden mehrere Versorger, BHKW-Betreiber und Endkunden beliefert, heißt es. So bietet der Gasversorger ein neues Produkt „Mitbiogas“ für Haushalte an, das einen Anteil von 5 Prozent Bioerdgas enthält. In einer Testaktion wurde auch schon einmal 100-prozentiges Bioerdgas als Kraftstoff für Erdgas-Fahrzeuge an drei Tankstellen der Region zu einem Aktionspreis verkauft.


Die Direkteinspeisung von Bioerdgas wie in Könnern entwickelt sich zu einem Wachstumsmarkt. Zwar zählte der Fachverband Biogas im Jahr 2008 erst 13 solche Anlagen, die zusammen 48 Millionen Kubikmeter Bioerdgas ins Netz einspeisten. Nach Erkenntnissen des DBFZ Deutschen Biomasse-Forschungszentrums sind aber bis Ende März drei weitere Anlagen hinzu gekommen, 35 befanden sich in Bau oder Planung. So baut Agricapital bereits seine nächsten beiden Bioerdgas-Anlagen, sieben weitere sollen bis Ende 2010 ans Netz. In eine neue Größenordnung stößt derzeit die Nawaro AG in Güstrow bei Rostock vor. Hier entsteht für 100 Millionen Euro eine Anlage, die jährlich 46 Millionen Kubikmeter Bioerdgas ins Netz des ostdeutschen Ferngasleitungs-Betreibers Ontras einspeisen soll.


Solche Projekte erhalten inzwischen einen kräftigen Rückenwind von der Bundesregierung, die dazu 2008 die Gasnetz-Zugangsverordnung neu regelte. Danach sind Bioerdgas-Anlagen vorrangig an das Gasnetz anzuschließen. Anlagenbetreiber und Netzbetreiber werden verpflichtet, jeweils die Hälfte der Kosten für den Netzanschluss zu tragen. In der Verordnung nennt die Bundesregierung das Ziel, bis 2020 die Einspeisung von jährlich 6 Milliarden Kubikmeter Bioerdgas zu ermöglichen. Bis 2030 sind 10 Milliarden Kubikmeter angestrebt – etwa ein Zehntel des deutschen Erdgas-Verbrauchs. Das Bioerdgas soll verstärkt in der Kraft-Wärme-Kopplung und als Kraftstoff eingesetzt werden können.


Die großen deutschen Gasversorger entwickeln längst eigene Bioerdgas-Projekte. So will der Gashändler VNG Verbundnetz Gas einen Teil des Bioerdgases aus Güstrow über seine Kanäle vermarkten. Eon Ruhrgas weihte im Juli 2008 gemeinsam mit dem Biogas-Spezialisten Schmack in Schwandorf bei Nürnberg eine Anlage ein, die jährlich 8 Millionen Kubikmeter Bioerdgas erzeugen und in das regionale Eon-Gasnetz einspeisen kann. Die Tochtergesellschaft Eon Bioerdgas baut derzeit zwei weitere Anlagen. RWE lässt mit seiner Tochter Innogy in Güterglück bei Magdeburg eine Bioerdgas-Anlage errichten. Bis 2012 sollen zehn weitere Anlagen folgen.



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