In Polen entstehen derzeit neue Strukturen in der Stromwirtschaft und neue Windparks. In Ungarn wächst die Stromproduktion aus Biomasse. Die Erdgas- und Erdöl- Gesellschaft MOL steht zwischen zwei konkurrierenden Pipeline-Projekten. 11/2006

 

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Als sich die Präsidenten der baltischen Länder Litauen, Estland und Lettland Anfang November 2006 in der litauischen Hauptstadt Vilnius mit ihrem polnischen Kollegen trafen, waren gemeinsame Energieprojekte ein bestimmendes Thema. Sie seien wichtig, um die Einbindung der Länder in den allgemeinen Energiemarkt der Europäischen Union zu beschleunigen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Valdas Adamkus, Hendrik Ilves, Vaira Vike-Freiberga und Lech Kaczynski. Geplant sind unter anderem Strom- und Gasverbindungen über Litauen nach Polen. Der westliche Nachbar spielt für die baltischen Länder eine Schlüsselrolle im Energietransport. Bisher sind ihre Energienetze untereinander und mit den Netzen Russlands und Weißrusslands verbunden, Verbindungen mit der Europäischen Union fehlen bisher.

Beim Präsidententreffen in Vilnius wurde auch angedeutet, dass die baltischen Länder mit Polen und anderen EU-Länder beim Bau des angestrebten neuen Kernkraftwerks im litauischen Ignalina zusammenarbeiten könnten. In Polen selbst wird derzeit auch über einen eigenen KKW- Bau diskutiert. Wie Dr. Markus Reichel, Geschäftsführer der Dresdner Inerconsult Dr. Reichel & Co. GmbH beim 16. Zittauer Seminar zur energiewirtschaftlichen Situation in den Ländern Mittel- und Osteuropas im Oktober 2006 sagte, ist dabei eine Inbetriebnahme bis Ende 2022 im Gespräch.


Die polnische Stromwirtschaft selbst befindet sich derzeit wieder in einem Umbruch. Nachdem zunächst Bergbau, Kraftwerke und Versorger voneinander getrennt und teilweise auch schon privatisiert wurden, verfolgt der Staat nun eine neue Strategie. Dabei sollen vier vertikal integrierte große Stromkonzerne entstehen. „Das ist vollkommen entgegengesetzt zur vorherigen Entwicklung", sagte Reichel. Auch sei noch unklar, welche Anteile ausländische Investoren künftig an diesen neuen Großunternehmen haben könnten. Dagegen habe der Staat bereits bekannt gegeben, dass er künftig über 50 Prozent an diesen Unternehmen halten wolle. Darüber hinausgehende Anteile sollen in den nächsten Jahren an der Börse verkauft werden.

 

Auf Unmut stößt in Polen das Projekt der russisch-deutschen Erdgas-Pipeline durch die Ostsee, wodurch der vorhandene Transportweg für russisches Erdgas durch Polen nach Westeuropa weniger wichtig wird. Zwar bauten der russische Konzern OAO Gasprom und seine Partner in Weißrussland, Polen und Deutschland zuletzt den vorhandenen Leitungsstrang der so genannten Jamal-Pipeline auf die projektierte Transportleistung von jährlich 33 Mrd. m3 Erdgas aus. Derzeit deutet allerdings nichts mehr darauf hin, dass auch der ursprünglich geplante zweite Strang noch gebaut wird. Um nicht allein auf russische Lieferungen angewiesen zu sein, verfolgt Polen Pläne für den Bau eines Terminals für Flüssigerdgas an der Ostseeküste. Auch eine Gasleitung aus Norwegen und eine Beteiligung an der von mehreren europäischen Gasversorgern geplanten Nabucco-Gasleitung aus der Türkei sind im Gespräch.

 

 

In Polen dominiert Kohle die Wärmeversorgung

 

Bisher spielt der Energieträger Erdgas in Polen eine bescheidenere Rolle als in den baltischen Nachbarländern: Wie Thorsten Körner, Abteilungsleiter im Geschäftsbereich Energienahe Dienstleistungen der SWL Stadtwerke Leipzig GmbH, beim Berliner EU-Workshop Regenergy im Mai 2006 sagte, werden im Baltikum zwischen 45 und 82 Prozent der Wärmeversorgung mit Erdgas gesichert. In Polen ist dagegen Kohle mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent der dominierende Brennstoff für die Fernwärme. Beim Danziger Wärmeversorger GPEC Gdanskie Przedsiebiorstwo Energetyki Cieplnej sp.zo.o., einer SWL- Tochter, beginnt sich das zu ändern: Das Unternehmen habe seit 1997 drei Kohleheizwerke stillgelegt, ein Gas-HW und ein Gas-HKW gebaut, berichtete der damalige GPEC- Geschäftsführer Adam Jaskowski. Derzeit werde der Bau eines GuD-HKW mit 220 MWel erwogen.

 

Der Ausbau der Windkraft kommt in Polen allmählich in Gang: Reichel zufolge waren im März 2006 Windkraftanlagen mit insgesamt 86 MW installiert. Große Windparks werden derzeit in Tymien mit 50 MW, in Kobylnica mit 90 MW und in Gniezdzewo/Puck mit 22 MW installiert. In der Region Pommern wurden bis Ende Februar 2006 Genehmigungen für den Bau von 160 MW erteilt. Dass Polen allerdings bis 2010 das Ziel erreicht, einen Anteil erneuerbarer Energien von 7,5 Prozent an der Primärenergieversorgung zu erreichen, bezweifelt der Inercon- Geschäftsführer: „Es ist nicht festzustellen, dass es für erneuerbare Energien eine Lobby in Polen gibt."

 

In Ungarn vollziehen sich derzeit in der Gaswirtschaft bemerkenswerte Entwicklungen. So hat die Öl- und Gasgesellschaft MOL Hungarian Oil and Gas Plc. im Juni 2006 gemeinsam mit dem russischen Konzern OAO Gasprom eine Projektgesellschaft gegründet, die Möglichkeiten für transnationale Pipelines und Untergrundspeicher untersuchen soll. Gasprom braucht das Land als Partner für sein Projekt eines südlichen Erdgastransportwegs über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich. MOL ist allerdings auch an dem Konkurrenzprojekt der „Nabucco"-Pipeline beteiligt, die mehrere europäische Gasversorger aus der Türkei nach Österreich bauen wollen, um die Gasreserven des Nahen Ostens zu erschließen. Im Juli gelang es den Russen, ihre Position in Ungarn auszubauen: Im Gegenzug für eine Beteiligung an der russischen Erdgas-Förderung erhielten sie von der deutschen E.ON AG Minderheitsbeteiligungen von jeweils 50 Prozent minus eine Aktie an den ungarischen Gasgesellschaften E.ON Földgaz Storage und E.ON Földgaz Trade sowie 25 Prozent plus eine Aktie am regionalen Strom- und Gasversorger E.ON Hungaria. Für eine wachsende Rolle Ungarns im europäischen Gastransport sprechen auch die Pläne zum Speicherausbau. So hat die Regierung beschlossen, die Kapazität der Erdgasspeicher von bisher 3,4 Mrd. m3 bis 2010 um weitere 1,2 Mrd. m3 auszubauen.

 

MOL ist auch im Fördergeschäft über die Grenzen des Landes hinaus sehr aktiv. So hält das Unternehmen eine Beteiligung von 25 Prozent plus einer Aktie an der kroatischen INA Industrija nafte d.d. und erkundet gemeinsam mit ihr eine Erdgas-Lagerstätte in der ungarisch-kroatischen Grenzregion. Außerdem wollen die Partner das ungarische Erdgasfeld Vizvar-North entwickeln sowie an das kroatische Transport- und Verarbeitungssystem anschließen. Im russischen Westsibirien hat MOL die Lizenz für das Erdöl-Erkundungssgebiet Surgut-7 erworben. In dieser Region sind die Ungarn bereits über ein Gemeinschaftsunternehmen mit der russischen Ölgesellschaft Russneft am Ölfeld Zapadno Malobalik beteiligt, wo die Ölförderung 2002 begonnen hat.

 

Der Energieträger Erdgas, der in Ungarn zu 80 Prozent importiert wird - fast ausschließlich von Gasprom - hat in dem Land deutlich an Bedeutung gewonnen: Wie der ungarische Energiewissenschaftler Geza Meszaros beim Zittauer Seminar sagte, stieg sein Anteil am Endenergieverbrauch seit 1990 von 31 Prozent auf 44 Prozent im Jahr 2005. Auf dem Vormarsch ist Meszaros zufolge auch die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien: Sie habe sich im Jahr 2005 auf 1 600 GWh verdoppelt und liege mit einem Anteil von 4 ,6 Prozent an der Stromproduktion bereits über dem bis 2010 angestrebten Ziel von 3,6 Prozent. Die Windkraft-Leistung ist in den drei Jahren bis 2005 von 3 auf 19 MW gestiegen. Derzeit wird über den Ausbau auf 300 MW diskutiert, den Meszaros bis 2010 für realistisch hält. Außerdem sind mittlerweile acht Holzkraftwerke im Betrieb, so bei AES Kazincbarcika, Pannon Power und Mátrai Eromu. „Die meisten sind nicht neu gebaut, sondern von Kohle auf Holz umgestellt worden", berichtete Meszaros. Inzwischen werde die waldwirtschaftliche Holzerzeugungs-Kapazität des Landes schon vollständig von der Energiewirtschaft und der Möbelindustrie genutzt: Neue Holzkraftwerke können daher nach Ansicht des Wissenschaftlers nur auf der Basis von Holzimporten oder Energieholz-Pflanzungen gebaut werden.