Durch die Kopplung von Märkten versuchen Energiebörsen, Engpässe zwischen nationalen Netzen besser zu bewirtschaften. Mit der gegenseitigen Verflechtung der Leipziger European Energy Exchange und der Pariser Powernext hat nun auch eine Konsolidierung dieser Unternehmen begonnen. 11/2008


23 Stockwerke überwindet der Fahrstuhl im Leipziger City-Hochhaus, bevor er auf der Etage der EEX European Energy Exchange AG hält. Hier organisieren und überwachen 60 Mitarbeiter den deutschen Börsenhandel mit Strom, Erdgas, Emissionszertifikaten und Kohle. Die erstklassige Aussicht von hier oben über die traditionsreiche deutsche Handelsstadt Leipzig ist an diesem Oktobermorgen etwas durch Nebel getrübt. Doch für Toralf Michaelsen, Head Market Supervision, sind derzeit andere Themen wichtiger. Am 29. September hatte die EMCC European Market Coupling Company GmbH gemeinsam mit ihren fünf Kooperationspartnern Eon Netz GmbH, Energinet.dk, Vattenfall Europe Transmission, NPS Nord Pool Spot AS und EEX die deutschen und dänischen Strommärkte miteinander gekoppelt. Ein solches Market Coupling ermöglicht eine effiziente Nutzung der bestehenden grenzüberschreitenden Kuppelleitungen zwischen nationalen Netzen und bildet einen wichtigen Schritt hin zur Integration der Stromhandelsmärkte in Europa. In sogenannten implicit auctions vergeben die beteiligten Börsen und Netzbetreiber gemeinsam Stromlieferungen und grenzüberschreitende Übertragungsrechte.


Das deutsch-skandinavische Market Coupling Projekt musste allerdings schon wenige Tage nach dem Start, am 9. Oktober, wieder gestoppt werden. Denn das Ziel der Marktkopplung hatte sich teilweise ins Gegenteil verkehrt: Eigentlich sollte sie dafür sorgen, dass bei großen Preisunterschieden zwischen den Marktgebieten möglichst viel Strom zu möglichst günstigen Kosten aus dem jeweils preisgünstigeren Marktgebiet in das teurere Marktgebiet fließen kann. Damit würden sich die Strompreise im Day-Ahead-Handel der beiden Spotmärkte der EEX und NPS tendenziell angleichen. Diese Preisangleichung funktionierte allerdings nicht in allen Stunden. „In einigen Stunden kam es zu Preisdifferenzen zwischen Deutschland und Dänemark, welche nicht mit der Richtung der Stromflüsse korrespondierten”, berichtet Michaelsen. Die Ursache dafür sieht er in unerwarteten Abweichungen der Preis- und Stromfluss-Kalkulation zwischen den unterschiedlichen Systemen von EMCC und NPS.


Eine Schlüsselrolle bei der Marktkopplung spielt das Engpass-Management der Stromverbindungen DK1-Eon und DK2-Vattenfall (Kontek). DK1-Eon transportiert mit einer Leistung von 750 Megawatt Strom zwischen Jütland und Nordwestdeutschland und mit einer Leistung von 1 700 Megawatt in umgekehrter Richtung. Kontek führt mit einer Transportleistung von 550 Megawatt von der dänischen Insel Zealand nach Ostdeutschland. Bisher hatten die Betreiber von DK1-Eon - Energinet.dk und Eon Netz GmbH - die Transportleistung an dieser Engpass-Stelle mit sogenannten explicit auctions an Marktteilnehmer versteigert, die grenzüberschreitend mit Strom handeln. Dabei sind diese Marktteilnehmer auf eigene Prognosen angewiesen, mit denen sie besonders im Day-Ahead-Handel durch aktuelle Ereignisse auch einmal neben der Realität liegen können. Bei der Marktkopplung werden diese explicit auctions durch implicit auctions ersetzt, wo die aktuellen Daten aus den Day-Ahead auctions der gekoppelten Spotmärkte einfließen. So soll den grenzüberschreitenden Stromlieferungen automatisch ein optimaler Engpass-Preis zugeordnet werden können.


In Skandinavien funktioniert dies bereits seit Jahren zwischen den unterschiedlichen Netzgebieten der einzelnen Länder. Hier betreibt NPS den Strom-Spotmarkt Elspot, in dem die einzelnen Netzgebiete als separate Bietergebiete behandelt werden. EEX betreibt derzeit eine Marktkopplung mit Österreich, bei der es allerdings keine Engpässe gibt. Den Schweizer Strommarkt behandelt EEX als alleinstehendes Marktgebiet ohne Engpass-Management.



„Wir werden eine Möglichkeit finden, die Systeme zu harmonisieren.”


Seit dem 9. Oktober wird nun das Engpass-Management bei DK1-Eon wieder durch eine explicit auction ausgeführt. Die zweite deutsch-dänische Verbindung, Kontek, war zuvor bereits mit einer implicit auction von NPS/Elspot bewirtschaftet worden. Sie ist nach dem 9. Oktober wieder eingeführt worden. Michaelsen ist davon überzeugt, das Market Coupling schnell wieder aufnehmen zu können. „Ich denke, dass wir eine Möglichkeit finden werden, die Systeme zu harmonisieren”, sagt er und macht sich auf den Weg nach Hamburg zu einem Treffen mit den anderen Projektpartnern. Dass die deutsch-dänische Marktkopplung gelingt, wäre auch ein wichtiges Signal für ein weiteres großes Projekt: Im sogenannten Pentalateralen Forum wollen Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und Luxemburg 2009 ihre Strommärkte miteinander verknüpfen.


Je mehr die europäischen Energiemärkte zusammenwachsen, desto mehr wird auch eine engere Verzahnung der nationalen Energiebörsen notwendig. Wie so etwas aussehen kann, hat NP Nord Pool ASA, eine in Lysaker bei Oslo ansässige Tochtergesellschaft der schwedischen und norwegischen Stromnetz-Betreiber Svenska Kraftnätt und Statnett SF, bereits in Skandinavien gezeigt. Dort betreibt die Tochter NPS mit ihrem physischen Strom-Spotmarkt Elspot inzwischen Teilmärkte in Schweden, Finnland und Ostdeutschland, in Dänemark und in Norwegen. Hinzu kommt der Intrady-Markt Elbas in Finnland, Schweden, Dänemark und Ostdeutschland. NP selbst betreibt Marktplätze für internationale finanzielle Stromkontrakte und für Emissionszertifikate. Dieses Geschäft, ebenso wie das Clearing der Börsengeschäfte, soll nun allerdings der im Februar 2008 entstandene US-amerikanisch-schwedische Börsenriese The Nasdaq OMX Group, Inc. übernehmen.


NP sieht sich als führende europäische Energiebörse. Durch die frühe Liberalisierung des skandinavischen Energiemarktes hatte sie bereits 1996 den Handel aufgenommen. In Kontinentaleuropa folgte 1999 die APX Amsterdam Power Exchange. In Deutschland konkurrierten seit 2000 zunächst die EEX in Frankfurt am Main und die LPX Leipzig Power Exchange miteinander, bevor sie 2002 in Leipzig fusionierten. NP hatte beim Aufbau der LPX eine Schlüsselrolle gespielt und war danach lange an der EEX beteiligt, verlor aber nach der Fusion an Einfluss und verkaufte ihren Anteil inzwischen an die Eurex Zürich AG.



EEX will ihre starke Position in Kontinentaleuropa durch Partnerschaften mit anderen Börsen ausbauen.


EEX hat mittlerweile in Kontinentaleuropa eine starke Position erreicht und will sie nun durch Partnerschaften mit anderen europäischen Energiebörsen weiter ausbauen. Als ersten Partner konnten die Leipziger die französische Energiebörse Powernext S.A. gewinnen. So haben EEX und Powernext im September die gemeinsame Spotmarkt-Gesellschaft Epex Spot SE mit Sitz in Paris gegründet. In ihr soll bis zum Ende des Jahres der gesamte Strom-Spothandel der beiden Energiebörsen EEX und Powernext zusammengeführt werden. Beide Partner halten jeweils 50 Prozent der Anteile dieser Societas Europaea (SE). Diese Rechtsform gestattet es, in verschiedenen Mitgliedstaaten der Europäischen Union handelsgerichtlich eingetragene Unternehmen zu fusionieren, Holdinggesellschaften oder ein gemeinsames Tochterunternehmen zu gründen. Praktische und juristische Beschränkungen durch verschiedene Rechtssysteme werden dabei vermieden.


Anfang September hatte EEX bereits ihr Strom-Terminmarktgeschäft in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert - die EEX Power Derivatives GmbH, an der EEX zunächst 100 Prozent hält. In diese Gesellschaft soll Powernext im 1. Quartal 2009 die französischen Strom-Futures einbringen und im Gegenzug 20 Prozent der Gesellschaftsanteile erhalten. Die EEX bleibt hier Mehrheitsgesellschafter mit 80 Prozent.


Bis April 2009 soll Powernext außerdem damit beginnen, ihren Börsenhandel über die Leipziger EEX-Tochter ECC European Commodity Clearing AG clearen zu lassen – also die Geschäfte geld- und warenmäßig abwickeln und besichern zu lassen. Die ECC übernimmt dann auch das Clearing der französischen Strom-Futures, die über die Terminmarktgesellschaft in Leipzig gehandelt werden, und der bis Ende 2008 geplanten Powernext-Gasbörse.



Die Vorstände von EEX und Powernext sehen ihre Kooperation als Katalysator für Marktkopplungs-Projekte in Mittel- und Westeuropa. Mit der belgischen Energiebörse Belpex SA haben die Partner bereits eine Absichtserklärung für eine Zusammenarbeit. Als weiterer möglicher Partner gilt die holländische APX, die ihrerseits ebenfalls an einer Ausweitung des Geschäfts arbeitet. Im September hat sie mit der ebenfalls in Amsterdam ansässigen Endex European Energy Derivatives Exchange N.V. vereinbart, 90,85 Prozent der Endex-Anteile zu kaufen und die Aktivitäten der beiden Börsen zu verschmelzen. Den Unternehmen zufolge wird Endex eine Tochtergesellschaft von APX, die damit zur größten europäischen Gasbörse aufsteigt. Beim Gashandel ist die kombinierte Börse an Europas drei liquidesten Gashandelsplätzen tätig: dem National Balancing Point in Großbritannien, dem Title Transfer Facility in den Niederlanden und Zeebrugge in Belgien.

Stephan Follender Grossfeld, Vorstandschef von Endex, sagte: „Die Verschmelzung der Aktivitäten von APX und Endex ist ein wichtiger Schritt zur Schaffung der holländischen Gas-Drehscheibe. Die Kombination von APX und Endex wird auch in der Lage sein, eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung und Integration der europäischen Energiemärkte zu spielen. In dieser Kombination ist auch schon ein Leipziger Element enthalten: Das Clearing sämtlicher Endex-Produkte erfolgt seit Juni 2007 über die EEX-Tochter ECC.