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In einer streckenweise launigen Rede hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig die Risiken der Energiewende beschrieben. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sieht die Braunkohle als Garanten für den Umstieg in ein neues Energiezeitalter. 14/05/2012



Auf dem Ostdeutschen Energieforum in Leipzig diskutierten 400 Unternehmer und Energieexperten über die Auswirkungen der Energiewende. Foto: Stefan Schroeter



Der Energiekommissar der Europäischen Union, Günther Oettinger, hat vor steigenden Kosten und einer geringeren Versorgungssicherheit durch die Energiewende in Deutschland gewarnt. Der derzeitige Stand der Energiewende ergebe kein stimmiges Bild, sagte Oettinger am Freitag beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig. Ähnlich äußerte er sich über die „tausend lokalen Initiativen“, die sich für eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien einsetzen. Oettinger behauptete in seiner streckenweise recht launigen Rede, dass die Stromerzeugung aus Sonne und Wind nicht grundlastfähig, also nicht für eine stabile Stromversorgung geeignet sei. „Sie wollen ja auch nicht nur dann mit der Bahn fahren, wenn gerade der Wind weht“, ulkte der Kommissar vor 400 Unternehmern und Energiemanagern.

Auf die derzeit in Deutschland erprobten neuen Technologien wie Windgas und geregelte Stromproduktion aus Biogas ging er dabei nicht ein. Seiner Ansicht nach müssten die Wasserkraftwerke in Bulgarien, Norwegen, Österreich, Schweden und Schweiz einbezogen werden, um die schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu stabilisieren. Dazu sei es nötig, die immer noch national geprägten europäischen Energiesysteme stärker zu vernetzen.

Oettinger ließ gleichzeitig durchblicken, dass er die deutsche Energiewende für übereilt hält. „Die Abschaltung der Atomkraftwerke funktioniert einfach“, sagte der frühere Ministerpräsident des „Atomländles“ Baden-Württemberg. „Ob der Leitungsbau ebenso klappt, wage ich zu bezweifeln.“ Im vergangenen Winter war es in Süddeutschland zeitweise zu Engpässen bei der Stromversorgung gekommen, nachdem dort mehrere AKW abgeschaltet worden waren. Dennoch bekannte sich der Kommissar grundsätzlich zu dem bereits vor seiner Amtszeit aufgestellten Ziel der Europäischen Union, bis 2020 einen Anteil von 20 Prozent erneuerbarer Energien an der Versorgung zu erreichen. Bei Strom sollen sie sogar 34 % des Verbrauchs decken.

Nach Oettingers Ansicht braucht die Bundesrepublik die traditionellen Energieträger Braun- und Steinkohle noch über Jahrzehnte, um eine bezahlbare und sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Um dennoch die bis 2050 angestrebte Kohlendioxid-freie Energieversorgung in der EU erreichen zu können, setzt der Kommissar auf die Technik der CO2-Abtrennung im Kraftwerk. Da die ursprünglich geplante unterirdische Speicherung in Deutschland nicht möglich sei, komme es nun darauf an, CO2 als Rohstoff nutzbar zu machen.

Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sieht die heimische Braunkohle in den kommenden Jahrzehnten als „Garanten für den Umstieg in ein neues Energiezeitalter“. Sachsen sei noch nicht so weit, eine grundlastfähige, bezahlbare und sichere Versorgung aus erneuerbaren Energien zu gewährleisten, sagte er beim Energieforum. Im jetzigen Vergütungssystem für Ökostrom über das EEG Erneuerbare Energien Gesetz erkennt Tillich ein „erhebliches Maß an Fehlanreizen“. So gebe es einen deutlichen Preisunterschied zwischen dem niedrigen Börsenpreis von EEG-Strom und der hohen Vergütung, die an Anlagenbetreiber gezahlt werde.

Der Ministerpräsident kündigte an, am 23. Mai mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und seinen Länderkollegen über das EEG und seine Wirkungsmechanismen zu diskutieren. Wie Oettinger warnte er vor steigenden Strompreisen für Unternehmen und Endverbraucher. „Wir werden heute schon damit konfrontiert, dass Unternehmen darüber nachdenken, Investitionen nicht in Deutschland und Sachsen, sondern anderswo vorzunehmen.“




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