Es ist eigentlich unglaublich, welches Geschenk die Bundesregierung den Strom-Großverbrauchern im vergangenen Jahr gemacht hat. Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen, werden mit einer Befreiung von Netzentgelten belohnt. 27/04/2012


Die Kosten für diese Vorzugsbehandlung werden über eine Netzumlage auf alle anderen Stromkunden abgewälzt, die in einem Jahr unter den magischen Grenzen von 7.000 Benutzungsstunden und 10 Gigawattstunden Stromverbrauch bleiben. Das betrifft beispielsweise Unternehmen, die knapp unter diesen Werten liegen. Ihre Geschäftsführer werden es sich nun möglicherweise überlegen, ob ein etwas höherer Stromverbrauch wirtschaftlich sinnvoll sein könnte. Damit setzt die Stromnetz-Entgeltverordnung die falschen Anreize. Das bedeutet praktisch eine Rolle rückwärts für die von der Bundesregierung selbst ausgerufene „Energiewende“, bei der Energiesparen doch ein zentrales Thema sein soll.


Mit der neuen Netzumlage steigen die Stromkosten für kleine und mittelständische Unternehmen, denen dieses Geld für Investitionen und die Einstellung neuer Mitarbeiter fehlt. Stark betroffen sind alle Haushaltskunden mit knappem Budget, insbesondere die Empfänger von Sozial- und Arbeitslosengeld, bei denen die Bedarfssätze für Strom ohnehin zu knapp bemessen sind. Zu den Gewinnern zählen dagegen die bundesweit mehreren hundert Stromversorger, die den Anlass wie gewohnt zu übermäßig hohen Preiserhöhungen nutzten.


Dabei ist der Grundgedanke, großen Stromverbrauchern wie Aluminiumhütten und Stahlwerken bezahlbare Energiepreise zu ermöglichen, nicht einmal vollkommen verkehrt. Einige von ihnen stehen im weltweiten Wettbewerb mit Unternehmen, die in ihren Heimatländern auf sehr billige Energie zurückgreifen können und daher Kostenvorteile haben. Verkehrt war es vielmehr, die Strom-Großverbraucher vollkommen bedingungslos von den Netzentgelten zu befreien. Die Bundesregierung hat dabei die Gelegenheit verpasst, ihnen vernünftige Anreize im Sinne der selbst ausgerufenen „Energiewende“ vorzugeben.


Schließlich hat sich die schwarz-gelbe Koalition viel für den Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien vorgenommen, der inzwischen aber zunehmend auf konzeptionelle Mängel stößt. So sind Produktion und Verbrauch von Ökostrom oft räumlich voneinander entkoppelt. Der als Allheilmittel propagierte groß angelegte Netzausbau erweist sich als schwierig. Die räumliche Entkopplung ließe sich natürlich auch durch das bekannte Prinzip der dezentralen Stromversorgung überwinden: Wenn Wind- und Solarparks dort gebaut werden, wo es große Stromverbraucher gibt. Oder wenn sich große Stromverbraucher dort ansiedeln, wo es viele Wind- und Solarparks gibt.


Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Strom-Großverbraucher mit regional erzeugtem Ökostrom versorgen und dafür weniger Netzentgelte zahlen. Wirtschaftliche Anreize dafür gehören in eine sinnvoll überarbeitete Stromnetz-Entgeltverordnung. Dann würden die großen Stromverbraucher nicht mehr zulasten der Allgemeinheit von den Kosten der Energiewende verschont. Sondern sie könnten selbst dazu beitragen, dass der Übergang zum Zeitalter der erneuerbaren Energien gelingt.



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