Der neue Interconnector könnte zum Teil eines regionalen Erdgas-Korridors werden, der von Polen über die Slowakei, Tschechien und Ungarn bis nach Kroatien reicht. Besonders der polnische Netzbetreiber Gasy arbeitet derzeit intensiv daran, Alternativen zum Erdgasimport aus Russland zu erschließen. 18/04/2012


Die Gasnetzbetreiber Gasy Gaz-System aus Polen und Eustream aus der Slowakei lassen eine Vorstudie für eine grenzüberschreitende Erdgasleitung zwischen den beiden Ländern erstellen. Der Auftrag wurde an die polnische Ingenieursgesellschaft Gasoprojekt vergeben, eine Tochtergesellschaft der früheren Gasy-Muttergesellschaft PGNiG Polskie Górnictwo Naftowe i Gazownictwo. Sie soll mit der Wirtschaftsberatung Ernst & Young sowie mit der slowakischen Gesellschaft Gastech zusammenarbeiten.


In der Vorstudie soll zum einen das wirtschaftliche Umfeld für einen möglichen polnisch-slowakischen Interconnector untersucht werden. Zu anderen ist vorgesehen, das Projekt selbst näher zu beschreiben. Dazu gehören technische Details, Kosten, Umweltschutz und Bauzeit.


Gasy und Eustream wollen mit der Verbindung ihrer nationalen Gasnetze erreichen, dass es künftig mehr Alternativen beim Erdgas-Transport gibt. Das ist besonders dann wichtig, wenn der Gasfluss aus einer Richtung ins Stocken kommt. Polen und Slowakei beziehen ihre Erdgas-Importe weitaus überwiegend aus Russland. Von den Lieferstopps bei den Gasstreits zwischen Russland und den Transitländern Belarus sowie Ukraine in den vergangenen Jahren waren die beiden Länder daher besonders betroffen. Die neue Pipeline könnte auch ein Teil eines Erdgas-Korridors werden, der von Polen über die Slowakei, Tschechien und Ungarn bis nach Kroatien reicht.


Als weitere Ziele des Interconnectors nennen Gasy und Eustream eine größere Liquidität des Gasmarktes, eine sichere Versorgung zu konkurrenzfähigen Preisen und einen Beitrag zur Energiesicherheit der Europäischen Union. Sie rechnen damit, dass ihr Projekt von der Europäischen Union innerhalb des Programms für Transeuropäische Energienetzwerke (TEN-E) kofinanziert wird.


Besonders Gasy arbeitet derzeit intensiv daran, grenzüberschreitende Verbindungen zu erweitern oder neu zu bauen. Zuletzt wurde das Netzwerk um den polnisch-deutschen Grenzübergangspunkt Lasow bei Görlitz erweitert, so dass dort die jährliche Transportleistung von 0,9 Mrd. m³ auf 1,5 Mrd. m³ stieg. Zuvor war eine polnisch-tschechische Verbindung in Betrieb gegangen, die offenbar den Transport von jährlich 2,7 Mrd. m³ ermöglichen soll. Hinzu kommt ein „virtueller Umkehrfluss“ in der Jamal-Pipeline, die russisches Erdgas über polnisches Territorium nach Deutschland transportiert. Derzeit bereitet der polnische Netzbetreiber gemeinsam mit dem litauischen Gasversorger Lietuvos Dujos eine Machbarkeits-Studie für einen Interconnector zwischen Polen und Litauen vor.


Außerdem baut Gasy ein Hafenterminal für verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas – LNG) in Swinoujscie. Dort sollen ab 2014 Tankschiffe das LNG auch aus weit entfernten Fördergebieten in Afrika und Asien antransportieren und entladen können, bevor es regasifiziert und ins Gasnetz eingespeist wird. Darüber hinaus plant das polnische Unternehmen den Bau einer „Baltic Pipe“. Sie könnte durch die Ostsee von Polen nach Dänemark führen und den Import von norwegischem Erdgas ermöglichen. Es gibt auch immer wieder einmal Anzeichen dafür, dass Gasy und der deutsche Partner Verbundnetz Gas weiterhin die Möglichkeiten für eine schon seit langem erwogene weitere deutsch-polnische Verbindung sondieren.


Eustream hatte im Dezember 2011 ein Projekt zum Gas-Umkehrfluss vollendet, mit dem die  Slowakei größere Erdgas-Mengen als bisher aus Westeuropa beziehen kann. Damit ist das Land nicht mehr von einem reibungslosen Gasfluss aus Russland über die Ukraine abhängig.  

Außerdem verfolgt Eustream ein Interconnector-Projekt mit dem ungarischen Partner Ovit Országos Villamostávvezeték. Die geplante Leitung soll ab 2015 über 115 Kilometer vom slowakischen Velké Zlievce nach Vecsés bei Budapest führen. Ihre  Gesamtkosten von mehr als 100 Mio. Euro könnten mit 30 Mio. Euro aus dem European Energy Programme for Recovery (Europäisches Programm für Aufschwung) gefördert werden. Dieser slowakisch-ungarische Interconnector würde es ermöglichen, Erdgas aus den derzeit geplanten Projekten Nabucco, Südstrom und vom kroatischen LNG-Terminal Krk in die Slowakei zu transportieren.



Einen ausfuehrlichen Bericht zu diesem Thema finden Sie hier.




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