Einer Prognos-Studie zufolge kann die Braunkohle-Wirtschaft ihre heutige Bedeutung nur sichern, wenn sie die unterirdische Entsorgung von Kohlendioxid breit anzuwenden vermag. Andernfalls schrumpft sie drastisch. 21/11/2011



Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage – CCS) hat einen enormen Einfluss auf die künftige Entwicklung der deutschen Braunkohlen-Wirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Schweizer Beratungsgesellschaft Prognos, die im Auftrag der Braunkohle-Unternehmen Vattenfall Europe und Mibrag erstellt wurde. Sie sagt voraus, dass die installierte Stromleistung der Braunkohlen-Kraftwerke in Deutschland langfristig auf dem heutigen Niveau bleibt, wenn CCS verstärkt angewandt wird. Nach Einschätzung der Prognos-Experten hat Braunkohle in diesem Fall gegenüber anderen fossilen Energieträgern einen Kostenvorteil.


Die installierte Stromleistung der Braunkohlen-Kraftwerke lag Prognos zufolge im Jahr 2009 bei 22 Gigawatt, was etwa 14 Prozent der bundesweit verfügbaren Kraftwerksleistung entspricht. Die von ihnen 2010 erzeugte Strommenge von 147 Terawattstunden bedeutet sogar einen Anteil von 24% an der deutschen Brutto-Stromerzeugung. Das liegt daran, dass Braunkohle-Kraftwerke wegen ihres kostengünstigen Brennstoffs überwiegend gleichmäßig in der Grundlast betrieben werden, während andere Kraftwerke nur zu bestimmten Zeiten laufen.


Ob CCS allerdings in deutschen Kraftwerken eingesetzt werden kann, ist derzeit nicht sicher. Zwar hatte der Bundestag im Juli den Entwurf für ein Kohlendioxid-Speicherungsgesetz angenommen. Doch diesen Entwurf lehnte der Bundesrat im September ab. Damit ist derzeit offen, ob diese Technologie in Deutschland anwendbar wird. Bei CCS wird CO2 im Kraftwerksprozess abgetrennt, zu unterirdischen Lagerstätten transportiert und dort eingelagert. Dieses Verfahren stößt besonders dort auf den Widerstand der Bevölkerung, wo sich die Lagerstätten befinden.


Ohne CCS sehen die Prognos-Experten die deutsche Braunkohlen-Industrie aufgrund anspruchsvoller Klimaschutz-Vorgaben bis 2050 stark schrumpfen. Bekanntlich hat sich die Bundesregierung das Ziel gestellt, den nationalen Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 95% zu senken. Unter diesen Umständen würde die Braunkohle-Kraftwerksleistung in Deutschland auf 8 GW sinken, also reichlich ein Drittel der heutigen Leistung. Etwas abgefedert werden könnte dieser Schrumpfungsprozess dadurch, dass der Bau der Stromnetze und -speicher nicht wie angestrebt vorankommt. Damit würde sich das Wachstum  der erneuerbaren Energien verzögern, so dass auch 2050 noch Braunkohle-Kraftwerke mit insgesamt 12 GW gebraucht würden.


Für Ostdeutschland rechnet Prognos noch damit, dass in jedem Fall eine CCS-Demonstrationsanlage mit 300 MW Leistung im Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde gebaut wird. Außerdem gehen die Berater fest davon aus, dass zwischen 2030 und 2040 zwei ostdeutsche CCS-Kraftwerksblöcke mit je 1.000 MW den Betrieb aufnehmen. Zuletzt hatte Vattenfalls Europes Vorstandschef Tuomo Hatakka allerdings öffentlich erklärt, dass der Konzern ohne CO2-Speichergesetz und die Akzeptanz für CO2-Speicherung in Deutschland kein Braunkohle-Kraftwerk bauen wird.


Die Akzeptanz von CCS wird sich der Prognos-Vorhersage zufolge drastisch auf das Beschäftigungsniveau der ostdeutschen Braunkohle-Wirtschaft auswirken. Danach ist es nur bei einer breiten Akzeptanz der unterirdischen CO2-Entsorgung möglich, die bestehenden Braunkohle-Kraftwerke nach 2025 durch CCS-Kraftwerke zu ersetzen und die Zahl von derzeit 11.000 Beschäftigten in der hiesigen Braunkohle-Wirtschaft zu erhalten. Andernfalls sinkt die Mitarbeiterzahl langfristig um mehr als die Hälfte.


„Besonders betroffen sind davon die strukturschwachen Regionen im direkten Umfeld der Braunkohlenwirtschaft, in denen heute hohe Anteile der Ausgaben der Braunkohlenwirtschaft veräußert werden und die Mitarbeiter der Unternehmen leben“, schreibt Prognos. „Eine abnehmende Rolle der Braunkohlenindustrie müsste durch andere Wirtschaftszweige kompensiert werden, was allerdings seit der deutschen Wiedervereinigung im größeren Rahmen nicht gelungen ist.“



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