Beim Bau des Leningrader Atomkraftwerks 2 ist die Stahlarmierung der äußeren Schutzhülle von Block 1 eingestürzt. Das weckt Zweifel an den Sicherheits-Standards, die beim ehrgeizigen Ausbau der russischen Atomindustrie gelten. 21/07/2011


Am 17. Juli waren an der äußeren Schutzhülle von Block 1 Betonierungsarbeiten ausgeführt worden. Wie der zuständige Kraftwerksbauer St. Petersburg Atomenergoprojekt SAE mitteilte, hatten die dabei tätigen Spezialfirmen die technologischen Vorgaben verletzt. Infolgedessen habe sich das Armierungsgerüst der äußeren Schutzhülle verformt. Dabei seien weder Maschinen und Apparate beschädigt worden, noch konnte eine Verschiebung der Betonverschalung festgestellt werden. Das Armierungsgerüst soll nun durch die Spezialfirmen ersetzt werden. SAE geht davon aus, dass sich der Bau des AKW dadurch um mehrere Wochen verzögert.

Deutlich ausführlicher berichtet die Nowaja Gasjeta über den Unfall. Wie auf den von ihr veröffentlichten Fotos gut zu sehen ist, ist die Armierung regelrecht abgestürzt. Schon Ende Mai seien Abweichungen bei der 12 Meter hohen Stahlkonstruktion festgestellt worden, schreibt die Zeitung. Die zuständigen Spezialisten hätten sich an die Unternehmensleitung gewandt, um zusätzliches Befestigungsmaterial zu erhalten. Das Management habe darauf aber nicht reagiert.

Der Unfall vom 17. Juli war dem Bericht zufolge nicht der einzige Zwischenfall beim Bau des AKW: Schon im Januar sei eine 14 Meter hohe Armierungswand bei einem Windstoß eingestürzt. Und im Dezember 2010 hatte ein Gericht einen Baustopp verhängt, weil auf der Baustelle über Monate hinweg Brandschutz- und Hygienevorschriften missachtet wurden. Die Zeitung berichtet außerdem, dass auf der Baustelle Gastarbeiter aus Belarus und Ukraine unter unwürdigen Bedingungen arbeiten. Qualitätsarbeit sei so nicht möglich.

Das Leningrader AKW-2 wird 80 Kilometer entfernt von St. Petersburg an der Ostsee gebaut. Vorgesehen sind hier insgesamt vier Reaktorblöcke, von denen jeder über eine Stromleistung von 1.200 Megawatt verfügen soll. Der staatliche Konzern Rosatom, zu dem auch SAE gehört, verfolgt derzeit zwei weitere AKW-Projekte in der Region: Das Baltische AKW in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad (Königsberg) ist ebenfalls im Bau, seine beiden Blöcke mit insgesamt 2.300 MW sollen in den Jahren 2016 und 2018 in Betrieb gehen. Ab September will Rosatom außerdem in Belarus, an der litauischen Grenze, das AKW Ostrowjets mit zwei Reaktoren und insgesamt 2.400 MW bauen. 

Der offensichtliche Pfusch beim Bau des Leningrader AKW-2 weckt Zweifel an den Qualitäts-Standards, die bei dem derzeit laufenden ehrgeizigen Ausbau der russischen Atomindustrie gelten. Bis 2025 sollen in Russland 26 neue Reaktorblöcke gebaut werden und so der Anteil des Atomstroms an der landesweiten Stromerzeugung von derzeit 16 auf 25 Prozent steigen. Außerdem ist Rosatom an AKW-Projekten in zahlreichen Ländern wie Bulgarien, China und Iran beteiligt.



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