Im Braunkohle-Kraftwerk Lippendorf kam es 2002 und 2005 nach Schäden an Generator, Turbine und Kessel zu außergewöhnlich langen Stillständen. Künftig sollen solche Schäden innerhalb der planmäßigen Revisionszeiten behoben werden. 06/2006



lippendorf_-_grossEnde Mai 2006 lief das Braunkohle-Großkraftwerk Lippendorf nur mit halber Kraft: Der im Jahr 2000 in Betrieb gegangene Block R stand wegen einer regulären Zwischenrevision für 23 Tage still. Kraftwerksleiter Joachim Kahlert erwartete keine größeren Schäden bei den Inspektionen: „Block R ist bisher gut durchgelaufen.“ Ernsthafte Probleme waren bisher überwiegend am anderen Zwillingsblock des Kraftwerks aufgetreten. Diesen Block S hatte die Veag, das Vorläuferunternehmen des heutigen Betreibers Vattenfall Europa AG, ein halbes Jahr 1999 früher in Betrieb genommen. „Wenn an Block S etwas eintritt, dann können wir bei dem anderen Block vorbeugen und rechtzeitig die Materialien für die Reparatur bestellen“, erklärte Kahlert.

Ein außergewöhnlich langer Stillstand wurde bei Block S im Jahr 2005 nötig, nachdem die Vattenfall-Techniker im Oktober 2004 einen umfangreichen Turbinenschaden entdeckt hatten: Am Mitteldruck-Schnellschluss-Ventil hatte sich ein Dichtsitz aus Metall gelöst, seine Einzelteile waren in die Maschine eingedrungen und hatten dort für Dellen sowie Einrisse an den Schaufeln der Mittel- und Niederdruckläufer gesorgt. Um den Schaden zu reparieren, wurde die geplante Großrevision auf 84 Tage vom 5. März bis 27. Mai ausgedehnt. Während die defekten Schaufeln der Niederdruckläufer von den Technikern des Turbinenherstellers Alstom vor Ort gewechselt werden konnten, ließ sich der Mitteldruckläufer nur in dessen Berliner Werk aufarbeiten. Die Mehrkosten für diese Arbeiten bezifferte Kahlert auf mehrere Mio. Euro, hinzu kommt der Produktionsausfall. An Block R trat ein ähnliches Problem bisher nicht auf; hier wurde allerdings prophylaktisch ein überarbeiteter Dichtsitz eingebaut.


Während der Turbinen-Reparatur ergab sich die Gelegenheit, gleichzeitig einen größeren Korrosionsschaden am Kessel zu beheben, der von Babcock geliefert worden war: 1 400 Quadratmeter Verdampfer-Heizfläche waren korrodiert und mussten gewechselt werden. Die Ursachen für diese großflächige Korrosion sind bisher nicht geklärt: „Die endgültigen Untersuchungen laufen noch", berichtete der Kraftwerksleiter. „Beim Block R kontrollieren wir jetzt ganz intensiv, ob ähnliche Korrosionen vorliegen."


Ganz reibungslos ist allerdings auch Block R bisher nicht gelaufen. Im Jahr 2002 führte eine Funkenerosion im Generator dazu, dass der Edelstahl an der Induktorkappe teilweise abgetragen wurde. Damals musste der 17 m lange und 95 t schwere Generator ausgebaut und im Schweizer Alstom-Werk repariert werden, bevor er nach 50 Tagen Kraftwerks-Stillstand wieder seinen Dienst in Lippendorf antreten konnte. Finanziell war dies noch glimpflich verlaufen: Das Kraftwerkspersonal hatte den Fehler vor Ablauf der Garantie erkannt.


Kahlert betrachtet diese außergewöhnlichen Schäden als Kinderkrankheiten einer neuen Generation von Großkraftwerken, die mit einer anspruchsvollen Technologie und neuen Materialien hohe Wirkungsgrade erreicht. „Ich gehe davon aus, dass das einmalige Geschichten sind, die wir abstellen können", so der Kraftwerksleiter. Er hofft darauf, künftig Maschinen- und Kesselschäden, wie sie in jedem Kraftwerk auftreten, innerhalb der planmäßigen Revisionszeiten beheben zu können. So funktioniert es Kahlert zufolge in den Braunkohle-Kraftwerken Boxberg und Schwarze Pumpe. Sie waren etwa zur gleichen Zeit von der Veag gebaut worden.

 


Neue Herausforderungen durch Liberalisierung und Windkraft

 

Von den außerplanmäßigen Stillstandszeiten abgesehen, hat sich die in Lippendorf installierte Kraftwerkstechnik durchaus bewährt. So waren die Blöcke in den ersten fünf Monaten 2006 zu 90 Prozent verfügbar und knüpften damit an das bisher beste Jahr 2003 an. Die diesjährige Revision am Block R, ein geplanter 23-Tage-Stillstand seit 13. Mai 2006, konnte bereits am 3. Juni und damit zwei Tage eher beendet werden. Als Erfolg verbucht Kahlert auch die Klärschlamm-Mitverbrennung seit August 2004. Mit jährlich 320 000 t ist die Mitverbrennungsanlage in Lippendorf nach seinen Angaben eine der weltweit größten.


Mit der Liberalisierung des Strommarktes und der zunehmenden Windkraft-Einspeisung sind die Anforderungen an den Kraftwerksbetrieb gewachsen. So muss das Kraftwerk am Markt präsent sein, wenn der erzeugte Strom an der Strombörse verkauft werden kann. Bisher sei deshalb allerdings noch keine Revision verschoben worden, versicherte der Kraftwerksleiter. Besonders in den Sommermonaten hat das Kraftwerk auf starke Lastschwankungen im Vattenfall-Netzgebiet zu reagieren: Wenn viel Windstrom eingespeist wird, der gesetzlichen Vorrang hat, muss Lippendorf mitunter in 20 Minuten auf die Hälfte seiner Leistung herunter gefahren werden. Für solche Lastwechsel ist das Kraftwerk ausgelegt, sie schlagen sich allerdings auch in einem verminderten Wirkungsgrad und höheren Verschleiß nieder. Die wirtschaftlichen Einbußen aus einem solchen Halblast-Betrieb teilt sich Vattenfall mit den so genannten Südpartnern, denen eine Hälfte des Kraftwerks gehört: E.ON AG und EnBW Energie Baden-Württemberg AG.



Braunkohlen-Kraftwerk Lippendorf


Inbetriebnahme: 1999/2000
Installierte Leistung: 1 840 MW
Fernwärme-Auskopplung: max. 310 MWth
Netto-Wirkungsgrad: 43 %
Brennstoff-Ausnutzungsgrad: 46 %
Eigentümer: Vattenfall Europe Generation AG & Co. KG,
E.ON AG, EnBW Energie Baden-Württemberg AG