Ein Überangebot an Erdgas hat in den vergangenen Monaten zu einem Preissturz auf den europäischen Großhandels-Marktplätzen geführt. Bewegliche Versorger und Großkunden können sich deshalb günstige Einkaufspreise sichern. 10/2010



kwhgross

Eine kleine Aluminiumhütte in Sachsen-Anhalt konnte ihre Einkaufskosten für Erdgas drastisch senken. Während sie bisher noch 4 Cent je Kilowattstunde bezahlte, hat sie sich von Oktober 2010 bis September 2012 bei einem überregionalen Gasversorger einen Festpreis von 1,9 Cent gesichert. Auch wenn dazu noch Netznutzungskosten beim lokalen Gasnetz-Betreiber und Steuern kommen, kann sich der Preisvorteil sehen lassen. „Das Unternehmen spart mit dem neuen Festpreis mehr als eine halbe Million Euro im Jahr“, berichtet Christian Haase, Vorstand des Leipziger Energiebrokers Kilowatthandel, der den Festpreis vermittelt hat. Für ihn ist das Geschäft mit Industrieunternehmen, die sich günstigere Gaspreise als bei ihrem bisherigen Versorger sichern wollen, in den vergangenen zwei Jahren richtig gut in Fahrt gekommen: Mehr als 800 große gewerbliche Gaskunden betreut der Energiebroker inzwischen. Der Ablauf der Preisverhandlungen ist Haase zufolge Routine: Wendet sich ein Großkunde an Kilowatthandel, prüft der Broker für die gewünschte Vertragslaufzeit online die Gas-Terminpreise an der benachbarten Energiebörse EEX European Energy Exchange und holt danach Angebote von Gasversorgern ein. Für die Aluhütte lag das beste Angebot nur 0,1 Ct./kWh über dem Börsenpreis. „Das ist die Marge für den Gasversorger“, erklärt Haase. Der Versorger selbst kann sich die benötigten Gasmengen entweder an der EEX selbst, an einem anderen Handelsplatz oder auch bei einem Großlieferanten besorgen.  

Inzwischen scheint der Gaspreis schon wieder aus dem Keller zu klettern: „Jetzt wäre der Preis für 2011 bei 2,0 Cent, und für 2012 bei 2,2 Cent“, berichtet der Vorstand. Nach seiner Ansicht sind diese Preise für industrielle Gaskunden immer noch deutlich günstiger, als wenn sie sich von einem etablierten Gasversorger mit einem Vertrag versorgen lassen würden, bei dem der Gaspreis an den Ölpreis gebunden ist. „Dann wäre das Gas in vielen Fällen 0,5 Cent teurer“, ist er überzeugt.

Die Großhandels-Gaspreise haben in den vergangenen Monaten eine Berg- und Talfahrt durchgemacht. Im Gefolge der Ölpreise, an die Gaspreise in Europa traditionell gebunden sind, stiegen sie 2008 auf Rekordhöhen. Am Spotmarkt der EEX, wo kurzfristige Großhandelsmengen umgesetzt werden, kostete die Megawattstunde im Oktober 2008 bis zu 31,50 Euro. Die Gasversorger hoben ihre Preise damals kräftig an und ernteten damit stürmische Proteste ihrer Kunden.

Danach sanken mit den Ölpreisen auch die Gaspreise in traditionellen Verträgen mit Ölpreisbindung wieder. Hinzu kam ein Überangebot an Gas in Europa, das zum einen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 und den damit verbundenen geringeren Energiebedarf der Industrie zurückzuführen ist. Zum anderen war in den USA die Förderung von so genanntem Schiefergas stark ausgeweitet worden. Die Umweltschäden, die bei den dafür nötigen Fördermethoden entstehen, stoßen inzwischen auf heftige Kritik. Mit dem größeren Gasangebot in den USA sank dort der Bedarf an Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas - LNG), das aus Afrika und Asien per Tankschiff angeliefert wird.

Dabei hatten die LNG-Produzenten eigentlich mit einem weltweit steigenden Bedarf gerechnet und ihre Verflüssigungsanlagen ausgebaut. Die LNG-Mengen, die sie nun nicht mehr in die USA liefern konnten, boten sie nun in Asien und Europa an. Damit setzten sie die Gaspreise an den Energiebörsen stark unter Druck.

So ging der Gaspreis am Spotmarkt der EEX, wo Lieferungen für den Folgetag gehandelt werden, im August 2009 bis auf 6,90 Euro/MWh zurück. Umgerechnet auf den Preis pro Kilowattstunde entspricht das 0,7 Cent. Bis zum August 2010 stieg der Gas-Spotpreis wieder bis auf 18,50 Euro/MWh.


Niedrige Preise neben langfristig planbaren Preisen

Von den zeitweise niedrigen Börsen- und Großhandelspreisen konnten bewegliche Versorger und Großkunden profitieren. Zu ihnen gehören die SWL Stadtwerke Leipzig, die selbst am Gasmarkt der EEX und an anderen Großhandelsplätzen aktiv sind. Wenn sie hier günstig einkaufen, verbessern sich die Bedingungen im lokalen Gasvertrieb und beim Betrieb des eigenen Gaskraftwerks. Und im bundesweiten Gasvertrieb für Großkunden kann das Unternehmen attraktivere Angebote unterbreiten. Dabei legen die Stadtwerke Wert auf die Feststellung, dass „Börsenpreise nicht 1:1 auf  Kundenpreise übertragbar“ seien. Es würden auch bilaterale Lieferbeziehungen mit eigenen Preisbindungen, die vom Großhandelsmarkt entkoppelt seien, und mit Festpreise genutzt. „Neben dem Ziel niedriger Preise verfolgen wir die Strategie, langfristig planbare Preise zu möglichst gleichmäßigen Konditionen zu erzielen“, teilte das Unternehmen mit.

Die verbesserten Einkaufspreise nutzte SWL zu mehr oder weniger großen Preissenkungen im lokalen Gasvertrieb im Jahr 2009. 2010 wurden hier die Preise stabil gehalten, in der Grundversorgung aber auf einem ziemlich hohen Niveau. Das Gaskraftwerk produzierte 2009 aus dem günstigem Gas mehr Strom und Wärme als jemals zuvor. So nennt SWL die Marktchancen an den schwankenden Energiemärkten als einen Grund dafür, dass im Jahr 2009 ein Rekordergebnis von 60 Mio. Euro erwirtschaftet werden konnte. „Weit mehr profitierten wir jedoch mit unserer Zinsstrategie von der vorherrschenden Situation an den Geld- und Kapitalmärkten.“

Eine belebende Wirkung dürfte die Gasschwemme auch für unabhängige Gasversorger wie PCC Energie in Duisburg, Natgas in Potsdam und und Montana Gas in München entfaltet haben. Montana sorgte zuletzt mit zwei innovativen Produkten für Aufsehen. Dabei können Großkunden ihr Gas zu Preisen beziehen, die an die Börsenkurse der EEX gebunden sind. Ob dieses Modell auch bei steigenden Börsenpreisen attraktiv ist, sollte natürlich jeder Kunde selbst abwägen. Die jetzigen Chancen auf dem Gasmarkt führen auch zur Neugründung von Unternehmen. So ging im September der Leipziger Gasanbieter Prowatt an den Start, der bundesweit Gas an private Haushalte und Filialbetriebe, Wohnungsbaugesellschaften und Gewerbebetriebe verkaufen will. Dabei setzt das Unternehmen auf transparente Tarife ohne Grundpreis.
Einen Monat nach dem Start berichtet Geschäftsführer Thomas George vor allem über ein großes Interesse aus der Wohnungswirtschaft.

Auf die Importeure von Erdgas wirkt sich die aktuelle Marktsituation unterschiedlich aus. In einer günstigen Lage sind dabei solche Gesellschaften, die sich gegenüber ihren Lieferanten nicht fest zur Abnahme großer Gasmengen verpflichtet haben. Dazu gehört offenbar der Leipziger Gasimporteur VNG Verbundnetz Gas. VNG bezieht sein Erdgas weitgehend über Langfrist-Verträge mit Ölpreisbindung von russischen, norwegischen und deutschen Lieferanten. Weil in diesen Verträgen im vergangenen Jahr die Preise relativ hoch waren, fuhr VNG den Gasbezug aus ihnen im vergangenen Jahr zurück und kaufte mehr Gas zu günstigeren Preisen an den europäischen Handelsplätzen ein. So verdoppelte sich der Anteil der Spot- und Terminmärkte an der VNG-Gasbeschaffung auf 22 Prozent und lag damit schon gleichauf mit dem Gaseinkauf aus norwegischen oder deutschen Quellen. Mit dieser beweglichen Einkaufsstrategie konnte VNG das Überangebot an Erdgas auf den europäischen Märkten zum günstigen Einkauf nutzen. Der Lohn dafür war ein Rekordgewinn im Geschäftsjahr 2009.

Andere Importeure, die weniger flexible Langfristverträge haben und große Gasmengen zu hohen Preisen von ihren Lieferanten abnehmen müssen, sind eher in Schwierigkeiten gekommen. Denn auf diesem Preisniveau können sie das Gas nur noch schwer an ihre eigenen Kunden verkaufen. „Immer öfter bleiben die Importeure auf ihren Mengen sitzen, da der Markt ihre Preisvorstellungen nicht mehr akzeptiert“, schrieb die Deutsche Bank schon im Mai 2010 in einer Studie zum europäischen Gasmarkt.  

Vom Bestreben der europäischen Importeure, ihre Bezugsmengen aus den teuren Langfristverträgen so weit wie möglich herunterfahren, sind die Erdgas-Produzenten offenbar unterschiedlich betroffen. So gingen beim russischen Konzern Gasprom die Erdgasexporte nach Mittel- und Westeuropa im Jahr 2009 deutlich zurück, noch stärker sanken die Umsätze daraus. Sein norwegischer Konkurrent Statoil dagegen, dem eine flexiblere Preisstrategie nachgesagt wird, konnte seine Gasverkäufe sogar ausbauen. Allerdings verdiente er damit weniger Geld als ein Jahr zuvor.




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