Das osteuropäische Land will weniger abhängig von Energieimporten werden. Dazu sollen Energieträger künftig deutlich effizienter genutzt und mehr einheimische Ressourcen erschlossen werden. Unternehmen aus Deutschland, Österreich und Schweiz arbeiten in Belarus bereits an Projekten für erneuerbare Energien. 04/2010




Die Windkraft-Firma Enertrag ist mit dem Aufschwung der erneuerbaren Energien in Deutschland groß geworden. Inzwischen betreibt sie auch Windparks in Frankreich, Großbritannien, Bulgarien und demnächst in Polen. 2009 hat das im Brandenburger Dauerthal ansässige Unternehmen nun auch den Schritt nach Belarus (Weißrussland) gewagt. Im Gebiet der Hauptstadt Minsk plant Enertrag drei Windparks mit einer Gesamtleistung von 160 Megawatt. Vorstand Werner Diwald will um die Jahreswende 2011/2012 mit dem Bau der ersten 33 Anlagen mit insgesamt 80 MW beginnen. Die wirtschaftliche Grundlage dafür ist eine Einspeisevergütung, die über dem Preis für konventionell erzeugten Strom in Belarus liegt. Bisher gibt es dafür nur einen Beschluss des Wirtschaftsministeriums, ein entsprechendes Gesetz wird derzeit vorbereitet. „Ich gehe fest davon aus, dass dieses Einspeisegesetz kommen wird“, sagte Diwald beim Deutsch-Belarussischen Energieforum während der Hannovermesse. „Dann können nach einem solchen ersten Windpark weitere Windparks entstehen.“ Dafür gibt es in Belarus noch reichlich Gelegenheit: In einem internationalen Projekt sind 1840 mögliche Standorte für Windräder ermittelt worden. Hier könnten mit einer installierten Leistung von 1600 MW jährlich 6,5 Mrd. kWh Strom produziert werden.


Derzeit deutet vieles darauf hin, dass sich in dem dünn besiedelten osteuropäischen Land ein Markt für erneuerbare Energien entwickeln kann. Bisher nutzt Belarus überwiegend russisches Erdgas zur Energieversorgung, das bis vor kurzer Zeit noch zu Freundschaftspreisen geliefert wurde. Nun hebt der russische Lieferant Gasprom die Preise schrittweise auf Marktniveau an. Damit steht Belarus vor der Notwendigkeit, seine wenig effizienten Kraft- und Heizwerke zu modernisieren und den bisher hohen Energieverbrauch zu senken. So zitierte Leonid Schenets vom Staatlichen Komitee für Normung eine Statistik der Internationalen Energieagentur zur Energieintensität der Wirtschaft. Danach wird in Belarus doppelt soviel Energie wie in Deutschland aufgewendet, um 1000 US-Dollar für das Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Schenets zufolge hat sich der Staat das Ziel gestellt, die Energieintensität der Wirtschaft bis 2020 um 60 Prozent zu senken.


Um sich von Energieimporten weniger abhängig zu machen, sollen gleichzeitig mehr einheimische Energiequellen genutzt werden. Lag ihr Anteil an der Strom- und Wärmeproduktion 2005 noch bei 17 Prozent, wird bis 2020 ein Anstieg auf 26 Prozent angestrebt. Erneuerbare Energieträger spielen bisher kaum eine Rolle. Eine Ausnahme ist Holz, das in dem waldreichen Land traditionell zur Wärmeproduktion genutzt wird.


Damit diese staatlichen Ziele erreichbar werden, will beispielsweise die Minsker Gebietsverwaltung von 2010 bis 2012 jährlich neue Block-Heizkraftwerke, Wind- und Wasserkraftwerke sowie Biogasanlagen mit insgesamt mindestens 70 MW Leistung in Betrieb nehmen. Wie Vize-Gouverneur Valery Skakun sagte, sind dafür 350 Mio. Euro Investitionen nötig. Geeignete Flächen für Windräder seien bereits ermittelt worden. Für den Bau von Biogasanlagen eignen sich seiner Ansicht nach 65 Betriebe der Rinder-, Schweine- und Geflügelmast.



Biogasanlagen im Bau


Bisher sind in Belarus erst drei Biogasanlagen in Betrieb, hinzu kommen zwei Versuchsanlagen. Jemand, der diese Zahl deutlich ausbauen möchte, ist Wladimir Schlotthauer, Projektleiter des Schweizer Unternehmens TDF Ecotech. Unter seiner Führung ist 2009 eine Deponiegas-Anlage in Minsk in Betrieb gegangen, deren Stromleistung von zunächst 1 MW noch auf bis zu 3 MW ausgebaut werden soll. TDF plant derzeit weitere Deponie- und Biogasanlagen in Belarus mit insgesamt 30 MW. Trotz des noch fehlenden Gesetzes über alternative Energien gibt es nach Schlotthauers Ansicht in dem Land eine ausreichende rechtliche und normative Grundlage für Investitionsprojekte bei alternativen Energien. Zwar ist es nach seiner Erfahrung außerordentlich schwierig, Baugenehmigungen zu bekommen. Auf der anderen Seite könne ein Investor eine Anlage gleichzeitig projektieren und bauen. „Wir bauen schon, obwohl wir noch nicht alle Genehmigungen haben.“ Mitunter gibt es auch keine Einigung zwischen Investor und Behörden: So hat TDF mehrere geplante Projekte wieder gestrichen, weil mit dem Landwirtschaftsministerium kein Investitionsvertrag unterzeichnet werden konnte.


Dabei haben sich die Investitionsbedingungen in der staatlich geprägten Wirtschaft von Belarus zuletzt offenbar deutlich verbessert. Wirtschaftliche Reformen und die Privatisierungspolitik seien in den letzten zwei Jahren beschleunigt vonstatten gegangen, sagte Tobias Baumann, Referatsleiter des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Im Weltbank-Bericht „Doing Business“ habe sich Belarus vom Platz 115 auf Platz 58 verbessert. „Das sind sehr ermutigende Nachrichten“, so Baumann. „Viel versprechen wir uns von der Gründung einer Privatisierungs- und Investitionsagentur.“


Investitionen sind beispielsweise nötig, um das Wasserkraft-Potenzial der belorussischen Flüsse besser zu erschließen. Nach Berechnungen des Stromversorgers Belenergo könnten hier 250 MW Stromleistung wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden. Bisher sind aber erst 40 kleine Wasserkraftwerke mit insgesamt 14 MW in Betrieb. Das soll sich nun ändern: Derzeit wird der Bau von zwei Wasserkraftwerke mit 17 MW am Fluss Neman und mit 23 MW an der Westlichen Drina vorbereitet. Weitere Projekte mit insgesamt 140 MW an diesen beiden Flüssen und am Dnjepr sollen folgen.



Ersatzbrennstoffe aus Müll

Zu einer weiteren einheimischen Energiequelle könnten sich Ersatzbrennstoffe entwickeln, die sich aus sortiertem Müll herstellen lassen. Ein solches Projekt verfolgt derzeit Lehmann Maschinenbau aus dem sächsischen Jocketa. Gemeinsam mit dem belorussischen Partner Belkomunprojekt hat Lehmann in den vergangenen fünf Jahren für knapp 3 Mio. Euro eine Müllsortierungs-Anlage für die Stadt Nowopolotsk projektiert und aufgebaut. Hier sollen zum einen Kunststoffe, Metalle und Papier für eine stoffliche Wiederverwertung aussortiert werden. Zum anderen lassen sich auch energiereiche Bestandteile gewinnen. In einer weiteren Anlage könnten sie zu Briketts oder Pellets verarbeitet und als Ersatzbrennstoffe in Kraft- oder Zementwerken zur Energieerzeugung genutzt werden. Während die Müllsortierungsanlage derzeit in Betrieb genommen wird, ist die Brikettier- oder Pellettieranlage ein mögliches Folgeprojekt für den sächsischen Maschinenbauer. Geschäftsführer Thilo Lehmann sieht die Geschäftschancen in Belarus insgesamt optimistisch: „Es geht mehr als viele denken.“

Auch europäische Großkonzerne sind inzwischen auf dem Energie- und Umwelttechnik-Markt des osteuropäischen Landes aktiv. Der deutsche Technikkonzern Siemens hat bereits ein 20 Mio. Euro teures Gasturbinen-Kraftwerk für den belorussischen Chemieproduzenten Grodno Azot gebaut. Und der Österreicher Baukonzern Strabag errichtet in der Stadt Brest an der polnischen Grenze eine Kläranlage für 70 Mio. Euro.



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