Mit Marktkopplungen versuchen Strombörsen und Netzbetreiber, bestehende Engpässe bei der grenzüberschreitenden Stromübertragung besser zu bewirtschaften. Das Ziel ist eine koordinierte Strompreis-Ermittlung von Finnland bis Portugal. 01/2010

 



Es war ein langer Weg, bis die Kopplung der Strommärkte in Deutschland und Dänemark funktionierte. Den ersten Anlauf machte das Konsortium EMCC aus drei Netzbetreibern und zwei Strombörsen im Herbst 2008. Die bestehenden Engpässe bei grenzüberschreitenden Stromlieferungen sollten möglichst optimal bewirtschaftet werden, indem die Übertragungsrechte gemeinsam mit den Stromlieferungen an den beteiligten Strombörsen NPS Nord Pool Spot und EEX European Energy Exchange versteigert wurden. Doch es zeigte sich, dass sich die sehr unterschiedlichen Börsensysteme in Skandinavien und Deutschland nicht wie erwartet aufeinander abstimmen ließen. Die schon freigeschaltete Marktkopplung musste wieder ausgesetzt und gründlich überarbeitet werden. Erst im November 2009 ging sie wieder in Betrieb. Wie EEX-Vorstandschef Hans-Bernd Menzel auf der Essener Messe E-World sagte, funktionieren die Systeme nun: „Wir sind zufrieden mit dem inzwischen Erreichten an der deutsch-dänischen Grenze.“


Erfahrungen mit einer dreiseitigen Marktkopplung haben Frankreich, Belgien und den Niederlanden bereits seit 2006 gesammelt. Sie hat zu einer zunehmenden Angleichung der Preise im kurzfristigen Stromhandel der drei Länder geführt. Dass die Marktkopplung auch hier kein Spaziergang war, ließ Pieter Schuurs durchblicken, Chief Operating Officer der niederländischen Energiebörse APX-Endex: „Die Tatsache, dass in diesen Projekten mehrere Netzbetreiber mit verschiedenen Strombörsen kooperieren müssen, macht diesen Prozess sehr anspruchsvoll.“ Derzeit macht Schuurs diese Erfahrung auch mit deutschen Partnern: Die dreiseitige Marktkopplung soll demnächst auf Deutschland ausgeweitet werden.


Während in Kontinentaleuropa inzwischen fast jedes Land eine eigene Energiebörse eingerichtet hat, ist Skandinavien einen anderen Weg gegangen. Hier sind die Strommärkte von Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen über die Strombörse NPS miteinander verbunden. Hier hatten die Norweger in den 90er Jahren ihren Strommarkt früh liberalisiert, eine Strombörse eingerichtet und schrittweise auf die Nachbarländer ausgeweitet.


Die ersten Schritte, die Kleinstaaterei nun auch in der Börsenlandschaft Kontinentaleuropas zu überwinden, hat die EEX bereits getan. Sie hat Österreich, zu dessen Stromnetz es keine Engpässe gibt, bereits in das deutsche Marktgebiet einbezogen und betreibt einen Strommarkt für die Schweiz. Zuletzt hat sie sich mit der französischen Energiebörse Powernext zusammengetan, um die Strommärkte beider Länder gemeinsam zu entwickeln. Dabei wurde das Geschäft mit dem kurzfristigen Stromhandel in der gemeinsamen Tochter Epex in Paris gebündelt, während der langfristige Stromhandel am Terminmarkt im ebenfalls neu gegründeten Gemeinschaftsunternehmen EEX Power Derivatives am EEX-Sitz in Leipzig erfolgt. Dabei sind die Handelsmengen in beiden Ländern noch sehr unterschiedlich: Am Spotmarkt für den kurzfristigen Stromhandel wurden 2009 für das deutsche und Österreicher Marktgebiet 136 Terawattstunden Strom gehandelt, für das französische Marktgebiet waren es 53 TWh. Am Strom-Terminmarkt trugen die französischen Handelsprodukte 31 TWh zur Gesamtmenge von 1.025 TWh bei. „Es ist ein Ziel unserer Kooperation, dem französischen Spotmarkt Impulse zu geben“, sagte Menzel. „Wir werden noch Zeit und Arbeit investieren müssen, um hier Erfolge zu erzielen.“

 

Epex arbeitet bereits mit NPS und der spanischen Strombörse Omel an einem weitergehenden Konzept für die Vernetzung der europäischen Strommärkte. Dabei soll die Preisermittlung der Strom-Spotmärkte in zehn Ländern zwischen Finnland und Portugal koordiniert werden. Unterschiedliche Preise gäbe es dann noch, wenn Übertragungs-Engpässe zwischen zwei Marktgebieten bestehen. In der betreffenden Region werden jährlich 1.900 TWh Strom verbraucht, wovon 700 TWh an Spotmärkten gehandelt werden. Einen Zeitplan für diese Preiskopplung gibt es bisher noch nicht.

 

Mit Spannung schaut die Branche derzeit auch auf den britischen Strommarkt, wo sich bisher keine Börse für den Spothandel etablieren konnte. Im Januar ist hier der neue Marktplatz N2EX in Betrieb gegangen, der gemeinsam von NPS und dem amerikanisch-schwedischen Börsenkonzern Nasdaq OMX betrieben wird. Diese Partner verfügen über große Erfahrungen bei der Entwicklung der skandinavischen Strommärkte und sind auch in Osteuropa aktiv. So bereitet NPS derzeit den Strombörsen-Handel für Estland vor, der im April starten soll.

 

Die Entwicklung von N2EX wird an der APX-Endex in Amsterdam aufmerksam verfolgt. Sie bietet selbst Stromhandels-Produkte für den britischen Markt an und muss sich nun mit einem neuen Wettbewerber auseinandersetzen. Gleichzeitig arbeitet APX-Endex an einem Modell für die Kopplung des niederländischen mit dem britischen Strommarkt. Sie soll in einem Jahr erfolgen, wenn das BritNed-Kabel mit 1.000 Megawatt Übertragungsleistung in Betrieb geht. „Das wird neue Liquidität in den britischen Markt bringen“, kündigte Schuurs an.

 

Bei der Öffnung und Vernetzung der europäischen Energiemärkte darf nach Ansicht von Johannes Kindler die Marktaufsicht nicht auf der Strecke bleiben. „Die jetzige Finanzmarkt-Regulierung ist für Missbrauch noch offen wie ein Scheunentor“, sagte der Vizepräsident der Bundesnetzagentur. „Wir müssen zu einheitlichen Vorschriften in Europa kommen.“

 

 

Die Kopplung von Strommärkten

 

Dass es in benachbarten Strommärkten unterschiedliche Börsenpreise gibt, liegt an Engpässen bei den Übertragungsleistungen zwischen diesen Märkten. Wer ein Kraftwerk in einem Marktgebiet mit einem niedrigen Strompreis betreibt, hat ein Interesse daran, möglichst viel Strom in das Markgebiet mit hohen Strompreisen zu liefern. Dazu muss er zu einem für ihn wirtschaftlichen Preis die knappe Übertragungsleistung kaufen. Traditionell werden diese Übertragungsleistungen von den Leitungsbesitzern in sogenannten expliziten Auktionen versteigert. Weil dort keine kurzfristigen Preissignale der Strombörsen einbezogen werden können, bleibt dabei mitunter ein Teil der Übertragungsleistungen ungenutzt. Um die Bewirtschaftung der grenzüberschreitenden Leitungen zu optimieren, nutzt die deutsch-dänische Marktkopplung deshalb implizite Auktionen. Dabei werden die verfügbaren Übertragungsleistungen in die Ermittlung der Strompreise an den beteiligten Börsen einbezogen. Die impliziten Auktionen sollen zu einer besseren Nutzung der grenzüberschreitenden Übertragungsleitungen und damit zu einer größeren Angleichung der Strom-Börsenpreise in benachbarten Marktgebieten führen.




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