© 2020 Stefan Schroeter, Energiejournalist, www.stefanschroeter.com


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Regionale Ungleichgewichte bei Stromerzeugung und -verbrauch sorgen für starke Belastungen in den Stromnetzen. Die Netzbetreiber können mit einem Bündel von Maßnahmen gegensteuern, doch dafür zahlen die Stromkunden einen zunehmend hohen Preis.

Windpark bei Weissenfels gross

Windparks wie hier bei Weißenfels tragen zur ostdeutschen Stromüberschuss-Produktion bei, die zu starken Netzbelastungen führt. Archivfoto 2016: Stefan Schroeter


Die Kosten für die Stabilisierung der deutschen Stromnetze sind im vergangenen Jahr 2017 auf 1,45 Milliarden Euro gestiegen. Das berichtet die BNA Bundesnetzagentur. Diese Kosten liegen weit über denen des windarmen Jahres 2016, als 880 Millionen Euro für die Netzstabilisierung anfielen. Sie sind aber auch höher als im windreichen Jahr 2015, als der bisherige Höchststand von 1,1 Mrd. Euro erreicht wurde. Diese Kosten bezahlen die Stromkunden über ihre Netzentgelte.

 

Mit Netzstabilisierungs-Maßnahmen verhindern die Betreiber von Übertragungs- und Verteilnetzen, dass einzelne Stromleitungen überlastet werden. Solche Überlastungen entstehen vor allem deshalb, weil im Norden und Osten immer mehr Solar- und Windstrom produziert wird, der hier nur teilweise verbraucht werden kann. Im Süden gibt es dagegen einen wachsenden Stromverbrauch, während die Stromproduktion zurückgeht. Die Stromüberschüsse müssten also aus dem Norden und Osten nach Süden transportiert werden. Doch dafür reichen die verfügbaren Leitungen nicht aus.

 

Um das Transportproblem zu lösen, setzt BNA auf den Netzausbau. Der erweist sich allerdings als schwierig, langwierig und teuer. Eine kurzfristige Entlastung verspricht sich die Behörde dagegen schon von dem Engpass-Managementverfahren zwischen dem deutschen und dem österreichischen Marktgebiet, das ab Oktober die Lastflüsse in Richtung Österreich verringern soll.

 

Ins Netzausbau-Konzept passt die Südwest-Kuppelleitung von Thüringen nach Bayern. Nach langen Rechtsstreits und Bauverzögerungen konnte sie im September 2017 den regulären Betrieb aufnehmen und eine bis dahin besonders stark beanspruchte Parallelleitung entlasten. Die „Thüringer Strombrücke“ habe den Redispatch-Bedarf im vierten Quartal gedämpft, berichtet BNA. Zuvor habe es im ersten Quartal besonders hohe Redispatchwerte gegeben. Eine „ungewöhnliche Lastflusssituation in Deutschland“ und eine europaweite Kältewelle hätten die Stromnetze stark belastet.

 

Drosseln und hochfahren

Redispatch ist die wichtigste Maßnahme zur Netzstabilisierung. Dabei drosseln kostengünstig produzierende Kraftwerk, die sich in einer Stromüberschuss-Region vor dem jeweiligen Leitungsengpass befinden, ihre Produktion. Im Jahr 2017 wurden auf diese Weise 10.200 Gigawattstunden Strom abgeregelt. Gleichzeitig fahren teuer produzierende Kraftwerke, die in der Strommangel-Region hinter dem Engpass stehen, die Produktion hoch. 2017 wurden dazu 10.238 GWh Strom bei sogenannten Markt- und Reservekraftwerken angefordert. Die Betreiber der abgeregelten, angeforderten und vorgehaltenen Kraftwerke erhielten Vergütungen von insgesamt 811 Mio. Euro.

 

Eng verwandt mit dem Redispatch ist das Countertrading (Deutsch: Gegenhandel). Das sind Strom-Handelsgeschäfte, die Leitungen entlasten sollen. Sie kosteten 27 Mio. Euro.

 

Eine weitere wichtige Säule der Netzstabilisierung ist das Einspeisemanagement, bei dem Solar-, Wind- und Kraftwärme-gekoppelte Anlagen in Stromüberschuss-Regionen gegen Entschädigung abgeregelt werden. 2017 wurden deshalb 5.218 GWh nicht erzeugt und die Betreiber mit 610 Mio. Euro entschädigt. Die Entschädigungssumme ist im Vergleich zu Redispatch wahrscheinlich deshalb so hoch, weil Strom aus erneuerbaren Energien und Kraftwärme-Kopplung mit gesetzlich garantierten Einspeisetarifen und Zuschlägen vergütet wird. Deshalb dürfte er deutlich teurer sein als fossil erzeugter Redispatch-Strom, für den keine Zuschläge gelten.

 

In besonderen Situationen reichen alle diese Werkzeuge nicht aus, um die Stromnetze stabil zu halten. Dann können Netzbetreiber auch sogenannte Anpassungsmaßnahmen anweisen, bei denen Kraftwerke ohne Entschädigung heruntergefahren werden. Dazu kam es 2017 in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen, es betraf allerdings nur eine relativ kleine Strommenge von 34 GWh.